Das andere dominiert uns nicht. Interview mit Sven Drebes vom Berliner Bündnis der behindert & verrückt feiern mad and disability pride parade

Was der lesbisch-schwulen Community der Christopher Street Day, ist den behinderten Menschen die Disability Pride Parade. Zumindest im US-amerikanischen Chicago, wo die Parade in diesem Jahr schon zum elften Mal stattfindet. Im kanadischen Toronto hat eine andere Veranstaltung eine sogar noch längere Tradition: Das Mad Pride Festival findet dort seit 1993 statt. Gemeinsam ist beiden Events, dass ihre Teilnehmer_innen das medizinische Modell von Behinderung und psychischen Krisen ablehen. Statt ihre Eigenschaften als Defizit zu verstecken, normalisiseren oder heilen zu wollen, feiern sie sie als ihre Art zu leben. Weiterlesen

Interview Mondkalb – Zeitschrift des Organisierten Gebrechens, 2014

Diagnose Mensch

Im Jungle World-Dossier »Die Angst vor der Norm« (25/2014) kritisierte Carsta Langner den Artikel »Das genormte Wunschkind« aus dem Sammelband »The Mamas and the Papas«. Eine Erwiderung.

Carsta Langner kritisiert in ihrem Dossier eine Debatte über Pränataldiagnostik (PND) und Präimplantationsdiagnostik (PID), die kaum noch ­jemand führt. Langner ist der Meinung, dass in »feministischen Kreisen« mehrheitlich eine »alarmistische Kritik« an Reproduktionstechnologien vorherrsche, als Beispiel dafür muss unser Artikel aus dem Sammelband »The Mamas and the Papas« herhalten. Vermutlich deshalb, weil in Wirklichkeit in der feministischen Debatte von Alice Schwarzer bis zu linksradikalen Feministinnen die Kritik an PND und PID die Ausnahme ist.

Eine relevante Bewegung gegen Gen- und Reproduktionstechnologien gab es nur in den achtziger Jahren. Heute gibt es unseres Wissens neben Einzelpersonen nur noch das »Gen-ethische Netzwerk« und das »Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik«, die eine Kritik an diesen Techniken äußern. Stattdessen entsprechen die meisten feministischen Positionen der Stoßrichtung des Jungle World-Dossiers: PND sei eine tolle Errungenschaft, die Frauen Selbstbestimmung ermögliche, jede Frau müsse selbst entscheiden können, ob sie ein behindertes Kind austrägt oder nicht. Als 2009 Ärzte dazu verpflichtet wurden, eine Beratung zu Spätabtreibungen durchzuführen, und eine Drei-Tage-Frist zwischen Diagnose der Behinderung und Abtreibung eingeführt wurde, war der Aufschrei in feministischen Kreisen groß, da diese Beratung das Selbstbestimmungsrecht der Frauen aushebele – ein absurder Vorwurf, da die Beratung nicht verpflichtend ist. Die Tatsache, dass es sich bei Spätabtreibungen, also bei Abtreibungen nach der 14. Woche, oftmals um die Abtreibung von Föten mit Behinderungen handelt, dass also eine Selektion stattfindet, wurde nicht skandalisiert. Weiterlesen

Text in Kooperation mit Andrea Trumann, Jungle World #29, 17. Juli 2014

„Selbstbestimmt dabei. Immer. Inklusion in Alltag und Arbeitsleben“. Dokumentation eines Fachtages der Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Für die Antidiskriminierungsstelle des Bundes erstellte ich im Juni 2013 eine Dokumentation ihres Fachtages „Selbstbestimmt dabei. Immer. Inklusion in Alltag und Arbeitsleben“.

„Inklusion bedeutet mehr als Teilhabe – sie bedeutet, selbstverständlicher Teil der Gesellschaft zu sein.“ So beschreibt der wissenschaftliche Koordinator des Themenjahrs für behinderte und chronisch kranke Menschen Ernst von Kardorff sein Verständnis von Inklusion. Doch eine solch selbstverständliche Inklusion in Alltag und Arbeitsleben liegt für viele Menschen mit Behinderungen immer noch in weiter Ferne – trotz der UN-Behindertenrechtskonvention, die 2009 auch in Deutschland in Kraft getreten ist.

Wie groß der Handlungsbedarf ist, zeigen die Vielzahl und Bandbreite der Beratungsanfragen, die an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes gestellt werden: Rund 25 Prozent aller bisherigen Anfragen drehen sich um das Thema Behinderung und chronische Krankheit. Dabei ist die Ungleichbehandlung in den Bereichen Arbeitsmarkt und Dienstleistungen besonders groß und sind chronisch kranke Menschen durch Rechtsunsicherheiten besonders betroffen. Darauf verweisen die drei Expertisen, die die Antidiskriminierungsstelle für das Themenjahr 2013 in Auftrag gegeben hat und die auf dem Fachtag vorgestellt wurden. Drei Fälle aus der Beratungspraxis bestätigen die Erkenntnisse eindrucksvoll. Im Gespräch mit Moderator Carsten Rüger erzählten von Diskriminierung Betroffene und Berater_innen
davon, wie vielfältig und teilweise systematisch behinderte und chronisch kranke Menschen in Deutschland ausgegrenzt werden. Weiterlesen

Das echte Leben

Für die Hauptfigur des Hollywoodfilms „The Sessions“ sind Liebe und Sex das Wichtigste. Der echte Mark O’Brien hatte noch viele andere Anliegen.

Mitten im Raum steht sie, die Maschine, die „Eiserne Lunge“. Wuchtig, regelmäßig laut zischend. „Sie ist groß, gelb und hässlich, aber sie funktioniert. Sie hilft mir atmen – ob ich will oder nicht.“ Das riesenhafte Gerät dominiert Mark O’Briens winziges Ein-Zimmer-Appartement im kalifornischen Berkeley. Heraus schaut nur sein Kopf. Das Vakuum, das die Eiserne Lunge alle drei Sekunden in ihrem Innenraum erzeugt, weitet Mark O‘Briens Brustkorb – dadurch saugt er automatisch Atemluft durch die Nase ein. So begegnet man Mark O’Brien als Zuschauer des Films „Breathing Lessons: The Life and Works of Mark O’Brien“

Weiterlesen: MENSCHE_2.13_Marc-O-Brian

Menschen – Magazin der Aktion Mensch, #2/2013

Es sollte auch Spaß machen

Birgit Rothenberg, promovierte Diplom-Pädagogin, Beraterin für behinderte Studierende an der Uni Dortmund und Lehrende im Bereich Disability Studies, Vorstandsmitglied des Dortmunder Vereins „MOBILE – Selbstbestimmtes Leben Behinderter e.V.“ sowie Moderatorin des Dortmunder behindertenpolitischen „Aktionskreises“ erzählt von den Anfängen der Behindertenbewegung in Westdeutschland. Weiterlesen

Interview Mondkalb – Zeitung für das Organisierte Gebrechen, #1, 2012

Von der Fürsorge zur Selbstbestimmung. Wie behinderte Menschen in der BRD undankbar wurden

Weil sie den Anblick einer Gruppe behinderter Menschen an ihrem Urlaubsort hatte ertragen müssen, hatte eine Frau gegen ihren Reiseveranstalter geklagt. Mit Erfolg: Das Frankfurter Landgericht sprach ihr im Februar 1980 Schadensersatz zu. Gemeinsam mit den Behinderten den Speisesaal benutzen zu müssen sei unzumutbar, heißt es in der Urteilsbegründung: „Es ist nicht zu verkennen, dass eine Gruppe von Schwerbehinderten bei empfindsamen Menschen eine Beeinträchtigung des Urlaubsgenusses darstellen kann.“ Weiterlesen
Mondkalb – Zeitung des Organisierten Gebrechens, #1 2012

Endlich Mainstream!

Menschen mit Behinderung werden im öffentlichen Leben oft schlicht vergessen. Der Berliner Senat versucht seit einigen Jahren, sie in seiner Verwaltung stärker einzubinden. „Disability Mainstreaming“ lautet das Zauberwort.

Beim neu eingebauten Fahrstuhl fehlt die Sprachansage der Stockwerke, tastbare Hinweise für Sehbehinderte wurden auch vergessen. Die neue Ausstellung hat zwar Texttafeln in englischer Sprache, aber an Leichte Sprache für Menschen mit Lernschwierigkeiten hat keiner gedacht. Menschen mit Behinderung kennen solche Situationen zur Genüge. Als Experten in eigener Sache werden sie bei der Planung nur selten gefragt. Ungeachtet dessen, dass eine spätere Nachbesserung wieder neue Kosten entstehen lässt.

Dabei ist das Wort Inklusion in aller Munde. Die 2009 auch in Deutschland in Kraft getretene Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen fordert ausdrücklich „eine Umgestaltung aller Lebensbereiche, so, dass behinderte Menschen von vornherein teilhaben können“. Damit sie nicht wie so oft erst „nachträglich“ integriert werden, ist ihre Beteiligung von Anfang an gefordert.

Weiterlesen: MENSCHEN_2.12_ Mainstreaming

Menschen – Magazin der Aktion Mensch, #2/2012