Reclaim Behinderung! Warum es völlig ok ist, „behindert“ zu sagen.

„Voll behindert, du Spast!“ schallt es vom Schulhof rüber, und ich denke: Meinen die mich? Natürlich nicht. Obwohl ich‘s ja bin. Okay, „Spastiken“ habe ich jetzt nicht, aber „voll behindert“, ja, das bin ich schon. 100 Prozent Schwerbehinderung steht im Ausweis, und man sieht‘s mir auch an, mit allem Pipapo: Kleinwüchsigkeit, Hörgeräte, Rollstuhl. Als ich irgendwann mal einen Jugendlichen fragte, ob seine Kumpels zufällig mich meinen mit „voll behindert, Alter“, sagte der mir völlig entgeistert: „Nein, das sagt man einfach so!“ Schon klar. Weiterlesen

Edition F, Kolumne „Reboot the System“

Der Versuch zur Enthinderung der Wissenschaft. Ein Überblick über die Disability Studies in den USA aus der Sicht einer Gaststudentin

Als ich im Sommer 2000 zum ersten Mal in das Institut in Chicago rollte, in dem ich mein Auslandsstudienjahr verbringen sollte, traute ich meinen Augen kaum: abseits vom Hauptcampus, in einem Gebäude, das außen wie ein Büro, und innen wie ein Krankenhaus aussah, versammelte sich eine kleine Handvoll buntgemischter Leute unterschiedlichen Alters, einige mit, einige ohne Behinderung. Sie allein waren meine zukünftigen Kommilitoninnen und Kommilitonen. Wie in meinem Studiengang Psychologie, „zuhause“, an der Uni Bremen, ging es hier nicht zu: statt mit 20 oder 30 saß ich mit 5 oder 6 von ihnen in einem Arbeitsraum. Statt einer Cafeteria oder Mensa gab es nur ein paar Automaten, statt der mir in Deutschland bekannten heimeligen Zettelbretter und Grafitti glänzten hier die gekachelten Flure – denn schließlich befand ich mich auch weniger in einem typischen College, sondern eher in einem Büro- und Arbeitsgebäude. Und statt der unverbindlichen Leseempfehlung zwischen den Seminarsitzungen gab es hier schon mal klaglos 2-3 Artikel plus einem Buch Pflichtlektüre als „Hausaufgabe“ – kein Wunder, nahmen doch alle Dozenten wie Studierende ihr Fach sehr ernst. Hier arbeiteten alle – Studierende und Lehrende – an einem gemeinsamen Projekt: das traditionelle Verständnis von Behinderung durcheinander zu bringen und auf neue Beine – bzw. Räder – zu stellen.
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Psychologie & Gesellschaftskritik, 2005, 29 (113), S. 127-139