Crip Camp – Sommer der Krüppelbewegung

Die Netflix-Dokumentation „Crip Camp“ nimmt uns mit zu den Wurzeln der US-Amerikanischen Behindertenbewegung im Jahr 1971. Wir lernen Aktivist*innen wie Judy Heumann, Denise Sherer Jacobson und Jim LeBrecht kennen, werden Zeug*innen von Protestaktionen, die bis dahin undenkbar schienen. Bereits in den 1950er Jahren gab es das erste „Camp Jened“ für behinderte Kinder und Jugendliche, damals vor allem für solche mit Polio. Ende der Siebziger Jahre schloss das Camp wegen finanzieller Schwierigkeiten. Doch rund zehn Jahre zuvor war es ein Ausgangspunkt der Behindertenbewegung. Feminismus, Antirassismus, die Friedens- und Hippiebewegung, all das ging auch am Camp Jened nicht spurlos vorbei. Regisseur Jim LeBrecht, der als Fünfzehnjähriger am Camp teilgenommen hatte, erinnert sich: „Ich liebte das Leben. Ich wollte Teil der Welt sein, aber ich sah in ihr keinen Platz für jemanden wie mich. In Jened war ich auf einmal eines der ‚coolen Kids‘, ich war das erste Mal verliebt. Mir wurde klar, dass nicht meine Behinderung das Problem ist, sondern die Gesellschaft und ihre Barrieren.“ Weiterlesen

aktion-mensch.de Hintergrundwissen

#AbleismTellsMe: Behinderte Menschen teilen Diskriminierungserfahrungen

Es passiert alltäglich und überall. In der Familie, unter Freund*innen, im Job, auf der Party und im Club. Normative und stereotype Bilder von Behinderung und Nichtbehinderung werden uns um die Ohren gehauen. Wir werden mal für inkompetent, bedauernswert, leidend und hilflos, mal für bewundernswert und übermenschlich gehalten. Auf Twitter tauschen sich derzeit behinderte Menschen über ihre Erfahrungen mit Diskriminierung unter dem Hashtag #AbleismTellsMe aus. Weiterlesen

Edition F, 6. September 2020

Corona: Wie ich als Risikoperson versuche, mit der Angst umzugehen

„Dieses Corona-Virus? Ach, da machen Sie sich mal keine Sorgen. Das ist ja weit weg, in China. Und falls das hier auch ankommen sollte, dann bleiben Sie einfach mal ein paar Wochen zu Hause“. Es ist Januar, ich sitze bei meinem Hausarzt. Ein normaler Check-up-Termin, wir sprechen über Impfungen. Ich habe zum Glück alle wichtigen gerade durch. Sage ihm, dass mich dieses neue Virus doch etwas besorgt. Denn schließlich kann eine Lungenentzündung für mich schlimm ausgehen. Meine Wirbelsäule ist s-förmig verkrümmt, wodurch meine Lungen nicht genug Platz zum Atmen haben.  Weiterlesen

Edition F, Kolumne „Reboot the System“

Unverschämt lebendig

Das Memento mori stand in seinem Wohnzimmer auf der Anrichte. Ein Totenschädel, neben den Fotos der Familie. Der Tod war Matthias Vernaldi ein Begleiter. Als ungebetenen Gast hat er ihn eingeladen, mit ihm das Leben zu feiern. Das hat er sich erkämpfen müssen gegen Verhältnisse, die ihn zum unmündigen Pflegefall erklären wollten, gegen die Prognosen der Ärzt*innen. Die gaben ihm und seinen nach und nach immer bewegungsunfähigeren Muskeln gerade mal zwanzig Jahre Zeit zum Leben. Die angeborene spinale Muskelatrophie bedeute einen frühen Tod, zwangsläufig, haben sie gesagt. Weiterlesen

Nachruf auf Matthias Vernaldi, taz Berlin, 16.3.2020

„Guck mal, so eine kleine Frau!“ – warum ich Kindern nicht immer meine Behinderung erklären mag und wie Eltern damit umgehen können

„Guck mal, so eine kleine Frau!“, höre ich eine piepsige Stimme sagen und ich weiß: Wahrscheinlich kommt gleich ein Kind vorbei und stellt eine Menge Fragen. Das passiert mir mehrmals in der Woche. Mindestens genauso oft blicke ich in faszinierte Kinderaugen, die nicht aufhören können, mich anzustarren. Meine neunzig Zentimeter Körpergröße sind für Kinder ein Mysterium: Ein Mensch, so klein wie ich und doch erwachsen? Noch dazu hat diese kleine Frau dann auch noch einen Rollstuhl. Weiterlesen

Edition F, Kolumne „Reboot the System“

Reclaim Behinderung! Warum es völlig ok ist, „behindert“ zu sagen.

„Voll behindert, du Spast!“ schallt es vom Schulhof rüber, und ich denke: Meinen die mich? Natürlich nicht. Obwohl ich‘s ja bin. Okay, „Spastiken“ habe ich jetzt nicht, aber „voll behindert“, ja, das bin ich schon. 100 Prozent Schwerbehinderung steht im Ausweis, und man sieht‘s mir auch an, mit allem Pipapo: Kleinwüchsigkeit, Hörgeräte, Rollstuhl. Als ich irgendwann mal einen Jugendlichen fragte, ob seine Kumpels zufällig mich meinen mit „voll behindert, Alter“, sagte der mir völlig entgeistert: „Nein, das sagt man einfach so!“ Schon klar. Weiterlesen

Edition F, Kolumne „Reboot the System“

Schön weit weg vom Leben des Jens Spahn

Lieber Jens Spahn,
ein kleines Gedankenexperiment: Stell Dir mal vor, Du hast Hunger, aber darfst nur zu bestimmten Zeiten essen. Stell Dir vor, Du willst auf die Toilette, doch das ist nur drei Mal am Tag möglich. Stell Dir vor, Du willst duschen und Dich anziehen und brauchst dabei Hilfe – und Du darfst nicht selbst entscheiden, wer Dir dabei hilft. Stell Dir vor, Du willst Freund*innen treffen, und musst das Tage und Wochen vorher anmelden. Für Dich total irreal? Für viele behinderte Menschen leider normal. Denn einige leben in Heimen und Wohneinrichtungen, in denen ein selbstbestimmtes Leben nicht vorgesehen ist. Dort regieren Zeitpläne und Personalschlüssel. Oft auch bei sehr individuellen Bedürfnissen. Weiterlesen

Edition F, Kolumne „Reboot the System“

Pränataldiagnostik: Ich bin ein Risikomensch

Wäre meine Mutter heute mit mir schwanger, sie wäre eine „Risikoschwangere“. Allein schon, weil sie fünfunddreißig war, als ich zur Welt kam. „Risikoschwangerschaft“: Nicht nur mögliche Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt sind damit gemeint. Auch angeborene „Fehlbildungen“: Je älter eine Frau ist, wenn sie ein Kind erwartet, desto wahrscheinlicher. „Muss DAS denn heute noch sein?“ – eine Frage, die sich meine Mutter heute mit mir als Kind auf dem Spielplatz wohl oft anhören müsste. Weiterlesen

Edition F, Kolumne „Reboot the System“
Dieser Text wurde für den Alternativen Medienpreis 2020 in der Kategorie „Zukunft“ nominiert.

Podcast: Rampenlicht

Für „Diversity Arts Culture – Berliner Projektbüro für Diversitätsentwicklung“ produzierte ich die dreiteilige Podcast-Serie „Rampenlicht – Ein Podcast zu Behinderung und Kultur“. In drei Gesprächen mit behinderten Künstler*innen und Expert*innen fragte ich danach, ob Behinderung Kunst beeinflusst und wie Kultur noch inklusiver werden könnte.

Magazin – Diversity Arts Culture

Rampenlicht 1: Gespräch mit Graf Fidi, Hip Hoper mit Behinderung

Textversion Rampenlicht 1

Rampenlicht 2: Gespräch mit Noa Winter, Festivalorganisator*in/Disability Studies Expertin und Jana Zöll, Schauspielerin

Textversion Rampenlicht 2

Rampenlicht 3: Gespräch mit Annton Beate Schmidt, Malerin und Inga Scharf da Silva, Malerin

Textversion Rampenlicht 3