Wir haben als Ganzes Corona

Ganz am Anfang wurde ja gesagt, dass sich 70 Prozent der Bevölkerung anstecken müssen, bis die Pandemie vorbei ist. Und sie sich auch anstecken werden. Ich hab mir gedacht: Wie soll ich es denn schaffen, ausgerechnet zu den paar Glückskeksen zu gehören, an denen Corona vorbeigeht?
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taz Berlin, 1.11.2020, Special „Risikogruppen und die Coronakrise“

Hört auf, mich anzuatmen!

Was glotzen die alle so, denke ich. Ob die Leute jetzt wie sonst auch wegen meines Rollstuhls glotzen, wegen meiner 90 Zentimeter Gesamtkörperlänge oder wegen der Maske – keine Ahnung. Ist mir auch egal. Ohne die Maske gehe ich nicht mehr vor die Tür. Am Anfang passte sie noch schön ins Bild: »Rollstuhl, das ist vielleicht irgendwie ansteckend, da muss man sowieso auf der Hut sein, und jetzt trägt die auch noch Maske.« Weiterlesen

Jungle World, #20, „Disko“

Corona: Wie ich als Risikoperson versuche, mit der Angst umzugehen

„Dieses Corona-Virus? Ach, da machen Sie sich mal keine Sorgen. Das ist ja weit weg, in China. Und falls das hier auch ankommen sollte, dann bleiben Sie einfach mal ein paar Wochen zu Hause“. Es ist Januar, ich sitze bei meinem Hausarzt. Ein normaler Check-up-Termin, wir sprechen über Impfungen. Ich habe zum Glück alle wichtigen gerade durch. Sage ihm, dass mich dieses neue Virus doch etwas besorgt. Denn schließlich kann eine Lungenentzündung für mich schlimm ausgehen. Meine Wirbelsäule ist s-förmig verkrümmt, wodurch meine Lungen nicht genug Platz zum Atmen haben.  Weiterlesen

Edition F, Kolumne „Reboot the System“

Pränataldiagnostik: Ich bin ein Risikomensch

Wäre meine Mutter heute mit mir schwanger, sie wäre eine „Risikoschwangere“. Allein schon, weil sie fünfunddreißig war, als ich zur Welt kam. „Risikoschwangerschaft“: Nicht nur mögliche Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt sind damit gemeint. Auch angeborene „Fehlbildungen“: Je älter eine Frau ist, wenn sie ein Kind erwartet, desto wahrscheinlicher. „Muss DAS denn heute noch sein?“ – eine Frage, die sich meine Mutter heute mit mir als Kind auf dem Spielplatz wohl oft anhören müsste. Weiterlesen

Edition F, Kolumne „Reboot the System“
Dieser Text wurde für den Alternativen Medienpreis 2020 in der Kategorie „Zukunft“ nominiert.

Todesurteil „bildungsunfähig“

Eine neue Studie zeigt die Verstrickung Hans Aspergers, eines Mitbegründers der Autismusforschung, in die »Euthanasie« der Nazis.
Wer früher als Sonderling galt, bekommt heutzutage oft eine Diagnose: »Asperger-Syndrom«. Zu den Symptomen gehören Schwierigkeiten, Beziehungen aufzubauen und die »ungeschriebenen Regeln« des Sozialkontakts richtig zu deuten; eine Überempfindsamkeit für Reize; die Vorliebe für Beständigkeit und Routinen sowie oft spezielle Interessen, denen mit großer Leidenschaft nachgegangen wird. Etwa ein Promille aller Menschen soll davon betroffen sein, über zwei Drittel der Menschen mit »Asperger-Syndrom« sind Männer. Das »Asperger-Syndrom« ist im weltweiten Diagnose-Handbuch DSM 5 mittlerweile aufgegangen im Überbegriff »Autismus-Spektrum-Störung«.  Der Name »Asperger« gilt als Synomyn für die neuronale Besonderheit, selbst viele Betroffene identifizieren sich mit diesem Namen, manche nennen sich »Aspies«. Groß war daher Mitte April die Bestürzung, als die Ergebnisse einer Studie bekannt wurden, die aufdeckt, dass der Namenspatron Hans Asperger in die »Euthanasie«-Morde der deutschen Nationalsozialisten involviert war. Weiterlesen
Jungle World, #21, 2018

Sprache und Behinderung historisch und aktuell – Radio Corax

Am 27. Januar 2017, dem Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, gedachte der Bundestag den Opfern der NS-„Euthanasie“. Schon das Wort NS-„Euthanasie“ zeigt: Wir setzen Anführungszeichen – aber wir nutzen die Sprache der Täter_innen. Wir sprachen mit der Wissentschaftlerin und Aktivistin der Behindertenbewegung Rebecca Maskos über die Herausforderung, historische Sprache über Behinderung nicht zu reproduzieren und Begrifflichkeiten zu hinterfragen. Letzteres betrifft nicht nur historische Sprache, auch heute ist das Sprechen über behinderte Menschen geprägt von falschen Zuschreibungen. Was gilt es zu hinterfragen und zu ändern? Zu Beginn gibt Rebecca Maskos eine persönliche Einschätzung der Gedenkveranstaltung im Bundestag am 27.Januar 2017.  Nachhören

Interview Radio Corax, 3.2.2017

„Meine Großtante war ein Tabuthema“

Es gab da diese Großtante, die soll „psychisch krank“ gewesen sein. Lange Zeit kannte die 64-jährige Kunsttherapeutin Barbara Stellbrink-Kesy nur dieses Gerücht. Dass ihre Großtante Irmgard Heiss 1944 Opfer der NS-Euthanasie geworden war, erfuhr sie erst Ende der Neunziger Jahre. Ein Tabuthema, über das in der Detmolder Familie kaum gesprochen wurde. Irmgard galt den NS-Ärzten als „asozial“. Weiterlesen

„Menschen – das Magazin“, Online Ausgabe, #4 2016

„Der Mord an der Uroma hat unsere Familie geprägt“

„Meine Uroma ist ein Vorzeige-Opfer“ sagt Andreas Hechler lächelnd. Emilie Rau wurde als „psychisch Kranke“ 1941 in der Gaskammer von Hadamar ermordet. Im Gegensatz zu vielen anderen Opfern ist über ihre Geschichte viel bekannt, sie wird in pädagogischen und wissenschaftlichen Materialien oft zitiert. Schließlich hat ihre Tochter, Marie Hechler, die Großmutter von Andreas, Zeit ihres Lebens um das öffentliche Andenken an ihre Mutter gekämpft. In einem Großteil von Andreas Hechlers Familie war der Mord an der Urgroßmutter deshalb kein Tabu, anders als in vielen anderen Familien. Die Folgen für die Familie sind dennoch weitreichend, wie er im folgenden Interview erzählt.

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„Menschen – das Magazin“, Online Ausgabe, #4 2016

Einer vertrage der anderen Last

Erzählmuster: Warum müssen Menschen mit Behinderungen im Kino immer nur sterben wollen?

Mit Ein ganzes halbes Jahr kommt nun ein Film in die Kinos, der eine regelmäßig wiederkehrende Geschichte aktualisiert: Ein querschnittsgelähmter Mensch meint, es sei besser, tot zu sein als behindert, und bringt deshalb andere dazu, ihm beim Selbstmord zu helfen. Basierend auf dem Bestseller von Jojo Moyes (Originaltitel Me before you) sorgt die Romanze zwischen Pflegekraft Louisa Clark und dem querschnittsgelähmten Will Traynor unter Menschen mit Behinderungen für Ärger. Denn der frisch verliebte Millionär Traynor bekommt am Ende seinen Wunsch erfüllt: Sterbehilfe in der Schweiz.

Freitag, #25/16 Weiterlesen