Ableism und das Ideal des autonomen Fähig-Seins in der kapitalistischen Gesellschaft

Abstract: Ableism bezeichnet eine Form der Beurteilung Einzelner hinsichtlich ihrer körperlichen, geistigen und psychischen Fähigkeiten und Funktionen: Personen werden damit auf ihren Körper reduziert und zu Stellvertreter*innen einer vermeintlichen Gruppenidentität. So ist Ableism die treffendere Bezeichnung für etwas, das sonst oft vereinfacht Behindertenfeindlichkeit genannt wird. Das Konzept öffnet den Blick auf die Kontingenz von Körperbewertungen: Was in dem einen Gesellschaftskontext durch Hilfsmittel oder kulturelle Akzeptanz ausgeglichen und ‚normalisiert’ werden kann, bleibt in anderen als Behinderung bestehen. So ist Ableism auch ökonomisch situiert – die Fähigkeiten von Personen und ihre Einbettung in vorhandene Ressourcen entscheiden über die Anerkennung als Subjekt. Umgekehrt erscheint der Verlust der Verwertbarkeit als existentielle Bedrohung für die sich als „fähig“ und autonom verstehende Subjekte. Deren Kampf gegen diese Bedrohung führt zu Abgrenzungsprozessen gegenüber den als behindert Markierten und mündet wiederum in ableistische Diskurse. Der Beitrag diskutiert die Bedeutung dieser Diskurse für die Etablierung von kollektiven sozialen Identitäten und der sozialen Positionierung von Subjekten in den kulturellen und ökonomischen Verhältnissen in der Gegenwartsgesellschaft.

  1. Ein ganz normaler Vortragsabend

Bei der Vortragsveranstaltung im Kulturzentrum war ich die Erste. Klar, ich hatte hier ja vorher auch noch ein bisschen was zu tun. Der Hausmeister war schon da, und er war sehr nett. Er machte mir die Türen zum rollstuhlgerechten Zugang auf, zeigte mir den Fahrstuhl. Nachdem er die Mikrophone aufgestellt und sich noch einmal vergewissert hatte, dass alle Stühle am richtigen Platz stehen, ging er wieder in sein Büro. Vorher sagte er noch zu mir: „Die Referentin kommt dann gleich“. Ein Irrtum – die Referentin war schon da. Denn das war ja ich. Weiterlesen

Zeitschrift für Inklusion – Online, #2, 2015

„Ich bin ein bisschen schamlos“

Christian Bayerlein bezeichnet sich als »Sex-Nerd« und schreibt auf seinem Blog kissability.de über Sex. Im Zeitalter des Web 2.0 eigentlich nicht weiter ungewöhnlich, wären da nicht Rollstuhl, krummer Körper und hochgradiger Assistenzbedarf. Behinderte Menschen sind asexuelle Neu­tren – das ist das gesellschaftliche Bild, mit dem Bayerlein bricht. Offenbar war das zu viel der Inklusion für die Koblenzer CDU, die vergangene Woche seine Wiederwahl als städtischer Behindertenbeauftragter im Stadtrat verhinderte. Fünf Jahre lang hatte er diesen ehrenamtlichen Posten inne und bislang keinen Gegenkandidaten. Auf Wunsch der CDU wurde die Wahl jedoch vertagt und das Auswahlverfahren wird nun neu aufgerollt. Bislang haben weder die Stadt Koblenz noch die Koblenzer CDU-Fraktion zu den Vorgängen Stellung genommen.

Interview in Jungle World #51, 18. Dez 2014 Weiterlesen

Politisches Statement auf zwei Beinen. Schriftsteller Kenny Fries blickt kritisch auf Identitäten und kann doch nicht von ihnen lassen

Schwul, behindert und jüdisch: „Mein Mann nennt es meinen Nazi-Dreier“, sagt Fries und reißt den nächsten „schwarzen“ Witz über mangelnde Barrierefreiheit in Konzentrationslagern. Als der US-Amerikaner 1960 mit verdrehten und verkürzten Beinen geboren wurde, fiel seine Mutter in Ohnmacht und sein Vater lief schreiend durchs Krankenhaus: „Wir haben einen Freak bekommen!“ Als der Schock verdaut war, wurde ihr Sohn das erste behinderte Kind auf einer New Yorker Regelschule. Es folgten Literatur- und Theaterstudium, zahlreiche Essays, Gedichtbände, Theaterstücke und Anthologien. Momentan lebt Fries im kanadischen Toronto und unterrichtet Kreatives Schreiben. Sein aktuelles Buchprojekt führt ihn nach Deutschland. Für mondkalb wirft das einige Fragen auf. Weiterlesen
Interview Mondkalb – Zeitung für das Organisierte Gebrechen, 2014

Das andere dominiert uns nicht. Interview mit Sven Drebes vom Berliner Bündnis der behindert & verrückt feiern mad and disability pride parade

Was der lesbisch-schwulen Community der Christopher Street Day, ist den behinderten Menschen die Disability Pride Parade. Zumindest im US-amerikanischen Chicago, wo die Parade in diesem Jahr schon zum elften Mal stattfindet. Im kanadischen Toronto hat eine andere Veranstaltung eine sogar noch längere Tradition: Das Mad Pride Festival findet dort seit 1993 statt. Gemeinsam ist beiden Events, dass ihre Teilnehmer_innen das medizinische Modell von Behinderung und psychischen Krisen ablehen. Statt ihre Eigenschaften als Defizit zu verstecken, normalisiseren oder heilen zu wollen, feiern sie sie als ihre Art zu leben. Weiterlesen

Interview Mondkalb – Zeitschrift des Organisierten Gebrechens, 2014

Diagnose Mensch

Im Jungle World-Dossier »Die Angst vor der Norm« (25/2014) kritisierte Carsta Langner den Artikel »Das genormte Wunschkind« aus dem Sammelband »The Mamas and the Papas«. Eine Erwiderung.

Carsta Langner kritisiert in ihrem Dossier eine Debatte über Pränataldiagnostik (PND) und Präimplantationsdiagnostik (PID), die kaum noch ­jemand führt. Langner ist der Meinung, dass in »feministischen Kreisen« mehrheitlich eine »alarmistische Kritik« an Reproduktionstechnologien vorherrsche, als Beispiel dafür muss unser Artikel aus dem Sammelband »The Mamas and the Papas« herhalten. Vermutlich deshalb, weil in Wirklichkeit in der feministischen Debatte von Alice Schwarzer bis zu linksradikalen Feministinnen die Kritik an PND und PID die Ausnahme ist.

Eine relevante Bewegung gegen Gen- und Reproduktionstechnologien gab es nur in den achtziger Jahren. Heute gibt es unseres Wissens neben Einzelpersonen nur noch das »Gen-ethische Netzwerk« und das »Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik«, die eine Kritik an diesen Techniken äußern. Stattdessen entsprechen die meisten feministischen Positionen der Stoßrichtung des Jungle World-Dossiers: PND sei eine tolle Errungenschaft, die Frauen Selbstbestimmung ermögliche, jede Frau müsse selbst entscheiden können, ob sie ein behindertes Kind austrägt oder nicht. Als 2009 Ärzte dazu verpflichtet wurden, eine Beratung zu Spätabtreibungen durchzuführen, und eine Drei-Tage-Frist zwischen Diagnose der Behinderung und Abtreibung eingeführt wurde, war der Aufschrei in feministischen Kreisen groß, da diese Beratung das Selbstbestimmungsrecht der Frauen aushebele – ein absurder Vorwurf, da die Beratung nicht verpflichtend ist. Die Tatsache, dass es sich bei Spätabtreibungen, also bei Abtreibungen nach der 14. Woche, oftmals um die Abtreibung von Föten mit Behinderungen handelt, dass also eine Selektion stattfindet, wurde nicht skandalisiert. Weiterlesen

Text in Kooperation mit Andrea Trumann, Jungle World #29, 17. Juli 2014

„Selbstbestimmt dabei. Immer. Inklusion in Alltag und Arbeitsleben“. Dokumentation eines Fachtages der Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Für die Antidiskriminierungsstelle des Bundes erstellte ich im Juni 2013 eine Dokumentation ihres Fachtages „Selbstbestimmt dabei. Immer. Inklusion in Alltag und Arbeitsleben“.

„Inklusion bedeutet mehr als Teilhabe – sie bedeutet, selbstverständlicher Teil der Gesellschaft zu sein.“ So beschreibt der wissenschaftliche Koordinator des Themenjahrs für behinderte und chronisch kranke Menschen Ernst von Kardorff sein Verständnis von Inklusion. Doch eine solch selbstverständliche Inklusion in Alltag und Arbeitsleben liegt für viele Menschen mit Behinderungen immer noch in weiter Ferne – trotz der UN-Behindertenrechtskonvention, die 2009 auch in Deutschland in Kraft getreten ist.

Wie groß der Handlungsbedarf ist, zeigen die Vielzahl und Bandbreite der Beratungsanfragen, die an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes gestellt werden: Rund 25 Prozent aller bisherigen Anfragen drehen sich um das Thema Behinderung und chronische Krankheit. Dabei ist die Ungleichbehandlung in den Bereichen Arbeitsmarkt und Dienstleistungen besonders groß und sind chronisch kranke Menschen durch Rechtsunsicherheiten besonders betroffen. Darauf verweisen die drei Expertisen, die die Antidiskriminierungsstelle für das Themenjahr 2013 in Auftrag gegeben hat und die auf dem Fachtag vorgestellt wurden. Drei Fälle aus der Beratungspraxis bestätigen die Erkenntnisse eindrucksvoll. Im Gespräch mit Moderator Carsten Rüger erzählten von Diskriminierung Betroffene und Berater_innen
davon, wie vielfältig und teilweise systematisch behinderte und chronisch kranke Menschen in Deutschland ausgegrenzt werden. Weiterlesen

Es sollte auch Spaß machen

Birgit Rothenberg, promovierte Diplom-Pädagogin, Beraterin für behinderte Studierende an der Uni Dortmund und Lehrende im Bereich Disability Studies, Vorstandsmitglied des Dortmunder Vereins „MOBILE – Selbstbestimmtes Leben Behinderter e.V.“ sowie Moderatorin des Dortmunder behindertenpolitischen „Aktionskreises“ erzählt von den Anfängen der Behindertenbewegung in Westdeutschland. Weiterlesen

Interview Mondkalb – Zeitung für das Organisierte Gebrechen, #1, 2012