Todesurteil „bildungsunfähig“

Eine neue Studie zeigt die Verstrickung Hans Aspergers, eines Mitbegründers der Autismusforschung, in die »Euthanasie« der Nazis.
Wer früher als Sonderling galt, bekommt heutzutage oft eine Diagnose: »Asperger-Syndrom«. Zu den Symptomen gehören Schwierigkeiten, Beziehungen aufzubauen und die »ungeschriebenen Regeln« des Sozialkontakts richtig zu deuten; eine Überempfindsamkeit für Reize; die Vorliebe für Beständigkeit und Routinen sowie oft spezielle Interessen, denen mit großer Leidenschaft nachgegangen wird. Etwa ein Promille aller Menschen soll davon betroffen sein, über zwei Drittel der Menschen mit »Asperger-Syndrom« sind Männer. Das »Asperger-Syndrom« ist im weltweiten Diagnose-Handbuch DSM 5 mittlerweile aufgegangen im Überbegriff »Autismus-Spektrum-Störung«.  Der Name »Asperger« gilt als Synomyn für die neuronale Besonderheit, selbst viele Betroffene identifizieren sich mit diesem Namen, manche nennen sich »Aspies«. Groß war daher Mitte April die Bestürzung, als die Ergebnisse einer Studie bekannt wurden, die aufdeckt, dass der Namenspatron Hans Asperger in die »Euthanasie«-Morde der deutschen Nationalsozialisten involviert war. Weiterlesen
Jungle World, #21, 2018

Dreiundvierzig und kein bisschen größer!

Mannoman, jetzt bin ich dreiundvierzig und immer noch klein wie drei. Irgendwas ist schiefgelaufen. Hab mich wohl nicht richtig angestrengt. Oder nicht genug gegessen. Das vermutete zumindest ein alter Mann einmal. Das war zu Besuch in Polen, auf dem Land, und der Mann sprach ein bisschen deutsch. Gerade so viel, um mir ein paar Tipps für’s Wachsen mit auf den Weg zu geben: Mehr fette Wurst essen! Und viel Spinat! Die Neuköllner Jungs hier auf den Kinderfahrrädern meinten das allerdings ernst. „Wie alt bist Du? Dreiundvierzig? Und dann immer noch so klein?“ fragten sie fassungslos und ein bisschen vorwurfsvoll, als sie mich an der Treptower Straße beim Aussteigen aus dem Auto erwischten. Weiterlesen

Mondkalb – Zeitschrift für das Organisierte Gebrechen – Blog. 11. 4. 2018

Inklusion für alle statt neoliberalem Leistungsdenken – Redebeitrag auf der „Behindert & verrückt feiern Pride Parade Berlin“, 2017

Liebes Bündnis der Pride-Parade, liebe Zuhörer*innen, liebe Freaks, liebe Krüppel und Normalgestörte,

wir sollen uns integrieren – das wurde uns bis vor etwa zehn Jahren gesagt, und das wird auch heute noch Migrant*innen und Geflüchteten gesagt: Anpassen an die Gesellschaft, ihren Erwartungen gerecht werden, das war und ist mit dem Wort Integration gemeint. Integration hat jedoch eine kleine Schwester bekommen – die Inklusion. Inklusion sei ganz anders als Integration, sagen viele. Da müssten sich nicht die Einzelnen ändern und sich anpassen, sondern umkehrt – die inklusive Gesellschaft passt sich an die Einzelnen an. Die Gesellschaft baut sich so um, dass alle mitmachen können, egal welche Behinderung, welches Geschlecht, welche Herkunft eine Person hat und egal, wen sie liebt. Von diesem Umbau der Gesellschaft haben die meisten von uns wahrscheinlich bisher wenig gemerkt. Noch immer feiern Rassismus und Sexismus eine Party in den Köpfen vieler Menschen. Noch immer gibt es Zwangsbehandlungen, Isolationshaft, entwürdigende Praktiken in Heimen und Psychiatrien. Noch immer arbeitet die überwältigende Mehrheit aller Menschen mit Lernschwierigkeiten für ein Taschengeld in aussondernden Werkstätten. Noch immer müssen Menschen, die viel Assistenz brauchen, darum kämpfen, nicht in Heime abgeschoben zu werden – und das wird nun noch leichter möglich sein, seitdem es das Bundesteilhabegesetz gibt. Weiterlesen

Rede auf der 4. „Behindert und verrückt feiern Pride Parade Berlin“, 15.7.2017

Sprache und Behinderung historisch und aktuell – Radio Corax

Am 27. Januar 2017, dem Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, gedachte der Bundestag den Opfern der NS-„Euthanasie“. Schon das Wort NS-„Euthanasie“ zeigt: Wir setzen Anführungszeichen – aber wir nutzen die Sprache der Täter_innen. Wir sprachen mit der Wissentschaftlerin und Aktivistin der Behindertenbewegung Rebecca Maskos über die Herausforderung, historische Sprache über Behinderung nicht zu reproduzieren und Begrifflichkeiten zu hinterfragen. Letzteres betrifft nicht nur historische Sprache, auch heute ist das Sprechen über behinderte Menschen geprägt von falschen Zuschreibungen. Was gilt es zu hinterfragen und zu ändern? Zu Beginn gibt Rebecca Maskos eine persönliche Einschätzung der Gedenkveranstaltung im Bundestag am 27.Januar 2017.  Nachhören

Interview Radio Corax, 3.2.2017

„Meine Großtante war ein Tabuthema“

Es gab da diese Großtante, die soll „psychisch krank“ gewesen sein. Lange Zeit kannte die 64-jährige Kunsttherapeutin Barbara Stellbrink-Kesy nur dieses Gerücht. Dass ihre Großtante Irmgard Heiss 1944 Opfer der NS-Euthanasie geworden war, erfuhr sie erst Ende der Neunziger Jahre. Ein Tabuthema, über das in der Detmolder Familie kaum gesprochen wurde. Irmgard galt den NS-Ärzten als „asozial“. Weiterlesen

„Menschen – das Magazin“, Online Ausgabe, #4 2016