Sprache und Behinderung historisch und aktuell – Radio Corax

Am 27. Januar 2017, dem Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, gedachte der Bundestag den Opfern der NS-„Euthanasie“. Schon das Wort NS-„Euthanasie“ zeigt: Wir setzen Anführungszeichen – aber wir nutzen die Sprache der Täter_innen. Wir sprachen mit der Wissentschaftlerin und Aktivistin der Behindertenbewegung Rebecca Maskos über die Herausforderung, historische Sprache über Behinderung nicht zu reproduzieren und Begrifflichkeiten zu hinterfragen. Letzteres betrifft nicht nur historische Sprache, auch heute ist das Sprechen über behinderte Menschen geprägt von falschen Zuschreibungen. Was gilt es zu hinterfragen und zu ändern? Zu Beginn gibt Rebecca Maskos eine persönliche Einschätzung der Gedenkveranstaltung im Bundestag am 27.Januar 2017.  Nachhören

Interview Radio Corax, 3.2.2017

„Meine Großtante war ein Tabuthema“

Es gab da diese Großtante, die soll „psychisch krank“ gewesen sein. Lange Zeit kannte die 64-jährige Kunsttherapeutin Barbara Stellbrink-Kesy nur dieses Gerücht. Dass ihre Großtante Irmgard Heiss 1944 Opfer der NS-Euthanasie geworden war, erfuhr sie erst Ende der Neunziger Jahre. Ein Tabuthema, über das in der Detmolder Familie kaum gesprochen wurde. Irmgard galt den NS-Ärzten als „asozial“. Weiterlesen

„Menschen – das Magazin“, Online Ausgabe, #4 2016

„Der Mord an der Uroma hat unsere Familie geprägt“

„Meine Uroma ist ein Vorzeige-Opfer“ sagt Andreas Hechler lächelnd. Emilie Rau wurde als „psychisch Kranke“ 1941 in der Gaskammer von Hadamar ermordet. Im Gegensatz zu vielen anderen Opfern ist über ihre Geschichte viel bekannt, sie wird in pädagogischen und wissenschaftlichen Materialien oft zitiert. Schließlich hat ihre Tochter, Marie Hechler, die Großmutter von Andreas, Zeit ihres Lebens um das öffentliche Andenken an ihre Mutter gekämpft. In einem Großteil von Andreas Hechlers Familie war der Mord an der Urgroßmutter deshalb kein Tabu, anders als in vielen anderen Familien. Die Folgen für die Familie sind dennoch weitreichend, wie er im folgenden Interview erzählt. Weiterlesen

„Menschen – das Magazin“, Online Ausgabe, #4 2016

Thesen zur Inklusion – Utopie einer besseren Gesellschaft oder neoliberale Anrufung behinderter Menschen?

Als Antwort auf Integration – die Aufnahme von „Abweichenden“ in die Mehrheitsgesellschaft – erdachten Teile der Behindertenbewegung den Begriff Inklusion. Gemeint war eine Gesellschaft, die nicht Anpassung einfordert, sondern sich auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten aller einstellt. Derart utopisch gedacht klingt Inklusion verlockend und als Konzept gegen Aussonderung hat der Begriff Schlagkraft. Wenn Inklusion jedoch auf neoliberale Realitäten trifft, in der jeder für sich selbst verantwortlich ist und vor allem Leistungsfähigkeit und Optimierung zählt, können neue Zwänge entstehen. Weiterlesen

Vortrag beim Zentrum für Disability Studies (ZeDiS), Universität Hamburg, 13.12.2016

„Im Knast gibt’s wenigstens eine Stunde Hofgang“

Mit 30 im Altenheim. Für den Dessauer Matthias Grombach war das vier Jahre lang Realität. Als er 15 Jahre alt war, hatte er einen schweren Unfall, seitdem ist er hochgradig querschnittgelähmt. Dreizehn Jahre pflegten ihn seine Eltern zuhause, bis es für sie gesundheitlich nicht mehr ging. Der nur als Notlösung gedachte Heimaufenthalt wurde zum Dauerzustand, aus dem Grombach sich nur durch einen langwierigen Rechtsstreit befreien konnte. Seit sieben Jahren lebt der 40-jährige in seinen eigenen vier Wänden, mit Hilfe sogenannter Persönlicher Assistenten. Als Vorstandsmitglied des Vereins »NITSA – Netzwerk für Inklusion, Teilhabe, Selbstbestimmung und Assistenz« berät er andere behinderte Menschen zum ambulanten Wohnen. Das geplante Bundesteilhabegesetz lässt ihn fürchten, dass er wieder ins Heim muss, und dass es anderen wie ihm ergehen kann. Deshalb engagiert er sich in der Protestbewegung gegen das Gesetz. Weiterlesen

Interview mit Matthias Grombach
Junge Welt, Beilage Behindertenpolitik, 14. 12. 2016