Schön weit weg vom Leben des Jens Spahn

Lieber Jens Spahn,
ein kleines Gedankenexperiment: Stell Dir mal vor, Du hast Hunger, aber darfst nur zu bestimmten Zeiten essen. Stell Dir vor, Du willst auf die Toilette, doch das ist nur drei Mal am Tag möglich. Stell Dir vor, Du willst duschen und Dich anziehen und brauchst dabei Hilfe – und Du darfst nicht selbst entscheiden, wer Dir dabei hilft. Stell Dir vor, Du willst Freund*innen treffen, und musst das Tage und Wochen vorher anmelden. Für Dich total irreal? Für viele behinderte Menschen leider normal. Denn einige leben in Heimen und Wohneinrichtungen, in denen ein selbstbestimmtes Leben nicht vorgesehen ist. Dort regieren Zeitpläne und Personalschlüssel. Oft auch bei sehr individuellen Bedürfnissen. Weiterlesen

Edition F, Kolumne „Reboot the System“

Pränataldiagnostik: Ich bin ein Risikomensch

Wäre meine Mutter heute mit mir schwanger, sie wäre eine „Risikoschwangere“. Allein schon, weil sie fünfunddreißig war, als ich zur Welt kam. „Risikoschwangerschaft“: Nicht nur mögliche Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt sind damit gemeint. Auch angeborene „Fehlbildungen“: Je älter eine Frau ist, wenn sie ein Kind erwartet, desto wahrscheinlicher. „Muss DAS denn heute noch sein?“ – eine Frage, die sich meine Mutter heute mit mir als Kind auf dem Spielplatz wohl oft anhören müsste. Weiterlesen

Edition F, Kolumne „Reboot the System“

Podcast: Rampenlicht

Für „Diversity Arts Culture – Berliner Projektbüro für Diversitätsentwicklung“ produzierte ich die dreiteilige Podcast-Serie „Rampenlicht – Ein Podcast zu Behinderung und Kultur“. In drei Gesprächen mit behinderten Künstler*innen und Expert*innen fragte ich danach, ob Behinderung Kunst beeinflusst und wie Kultur noch inklusiver werden könnte.

Magazin – Diversity Arts Culture

Rampenlicht 1: Gespräch mit Graf Fidi, Hip Hoper mit Behinderung

Textversion Rampenlicht 1

Rampenlicht 2: Gespräch mit Noa Winter, Festivalorganisator*in/Disability Studies Expertin und Jana Zöll, Schauspielerin

Textversion Rampenlicht 2

Rampenlicht 3: Gespräch mit Annton Beate Schmidt, Malerin und Inga Scharf da Silva, Malerin

Textversion Rampenlicht 3

 

It’s Time to End Germany’s Culture of Benevolent Exclusion

A decade after pledging to protect the rights of disabled people, Germany still struggles to treat us equitably

I remember Mr. Wollny quite vividly — he was one of the first disabled people that I met. It was the first day of elementary school, a hot August morning in northern Germany, 1981. Mr. Wollny was the school’s director, and I was scared of this uncanny old man; I remember staring at his arm stump peeking out of his short-sleeved shirt. Just like the other kids were staring at me: too small for a six-year-old, with legs too fragile to stand on or even walk, I was carried in my mother’s arms.

Before entering elementary school, the term “disability” had no relevance to me. Weiterlesen

How We Get to Next, April 30 2019

Inklusion? Schön wär’s!

Erstmals dürfen dauerhaft Betreute in Bremen an einer Wahl teilnehmen. Das wurde auch Zeit – findet Rebecca Maskos.

Selbst mir – mit abgeschlossenem Studium und Berufsausbildung – passiert es immer wieder: „Wo ist denn Ihr Betreuer?“, wird gefragt. Oder die Person, mit der ich unterwegs bin, wird im Laden über meinen Kopf hinweg angesprochen: „Was möchte sie denn?“. Mein Rollstuhl ist offenbar Grund genug, mir Entscheidungsfähigkeit und Kompetenz abzusprechen. Immerhin: An der Wahlurne darf ich frei entscheiden, welche Partei ich wählen will. Das Bundeswahlgesetz regelt, dass jeder ab 18 frei wählen darf. Wirklich jeder? Nicht ganz.   Weiterlesen

Beitrag im Hörfunk von Radio Bremen 2, 15. April 2019

Todesurteil „bildungsunfähig“

Eine neue Studie zeigt die Verstrickung Hans Aspergers, eines Mitbegründers der Autismusforschung, in die »Euthanasie« der Nazis.
Wer früher als Sonderling galt, bekommt heutzutage oft eine Diagnose: »Asperger-Syndrom«. Zu den Symptomen gehören Schwierigkeiten, Beziehungen aufzubauen und die »ungeschriebenen Regeln« des Sozialkontakts richtig zu deuten; eine Überempfindsamkeit für Reize; die Vorliebe für Beständigkeit und Routinen sowie oft spezielle Interessen, denen mit großer Leidenschaft nachgegangen wird. Etwa ein Promille aller Menschen soll davon betroffen sein, über zwei Drittel der Menschen mit »Asperger-Syndrom« sind Männer. Das »Asperger-Syndrom« ist im weltweiten Diagnose-Handbuch DSM 5 mittlerweile aufgegangen im Überbegriff »Autismus-Spektrum-Störung«.  Der Name »Asperger« gilt als Synomyn für die neuronale Besonderheit, selbst viele Betroffene identifizieren sich mit diesem Namen, manche nennen sich »Aspies«. Groß war daher Mitte April die Bestürzung, als die Ergebnisse einer Studie bekannt wurden, die aufdeckt, dass der Namenspatron Hans Asperger in die »Euthanasie«-Morde der deutschen Nationalsozialisten involviert war. Weiterlesen
Jungle World, #21, 2018

Dreiundvierzig und kein bisschen größer!

Mannoman, jetzt bin ich dreiundvierzig und immer noch klein wie drei. Irgendwas ist schiefgelaufen. Hab mich wohl nicht richtig angestrengt. Oder nicht genug gegessen. Das vermutete zumindest ein alter Mann einmal. Das war zu Besuch in Polen, auf dem Land, und der Mann sprach ein bisschen deutsch. Gerade so viel, um mir ein paar Tipps für’s Wachsen mit auf den Weg zu geben: Mehr fette Wurst essen! Und viel Spinat! Die Neuköllner Jungs hier auf den Kinderfahrrädern meinten das allerdings ernst. „Wie alt bist Du? Dreiundvierzig? Und dann immer noch so klein?“ fragten sie fassungslos und ein bisschen vorwurfsvoll, als sie mich an der Treptower Straße beim Aussteigen aus dem Auto erwischten. Weiterlesen

Mondkalb – Zeitschrift für das Organisierte Gebrechen – Blog. 11. 4. 2018