Behinderung und Arbeit, das passt für viele nicht zusammen.

„Sagen Sie, Ihr Auto is ja tagsüber nie da, wie kommt denn dat?“, fragt meine ältere Nachbarin neugierig. „Na, ich bin bei der Arbeit“, entgegne ich. „Wat, Sie arbeiten? Dit hätt ick ja nich jedacht!“, kräht sie ungläubig zurück. Es ist nicht die erste überraschte Reaktion auf die Tatsache, dass ich einen Job habe. Weiterlesen

Faktor A, Bundesagentur für Arbeit

Crip Camp – Sommer der Krüppelbewegung

Die Netflix-Dokumentation „Crip Camp“ nimmt uns mit zu den Wurzeln der US-Amerikanischen Behindertenbewegung im Jahr 1971. Wir lernen Aktivist*innen wie Judy Heumann, Denise Sherer Jacobson und Jim LeBrecht kennen, werden Zeug*innen von Protestaktionen, die bis dahin undenkbar schienen. Bereits in den 1950er Jahren gab es das erste „Camp Jened“ für behinderte Kinder und Jugendliche, damals vor allem für solche mit Polio. Ende der Siebziger Jahre schloss das Camp wegen finanzieller Schwierigkeiten. Doch rund zehn Jahre zuvor war es ein Ausgangspunkt der Behindertenbewegung. Feminismus, Antirassismus, die Friedens- und Hippiebewegung, all das ging auch am Camp Jened nicht spurlos vorbei. Regisseur Jim LeBrecht, der als Fünfzehnjähriger am Camp teilgenommen hatte, erinnert sich: „Ich liebte das Leben. Ich wollte Teil der Welt sein, aber ich sah in ihr keinen Platz für jemanden wie mich. In Jened war ich auf einmal eines der ‚coolen Kids‘, ich war das erste Mal verliebt. Mir wurde klar, dass nicht meine Behinderung das Problem ist, sondern die Gesellschaft und ihre Barrieren.“ Weiterlesen

aktion-mensch.de Hintergrundwissen

Hört auf, mich anzuatmen!

Was glotzen die alle so, denke ich. Ob die Leute jetzt wie sonst auch wegen meines Rollstuhls glotzen, wegen meiner 90 Zentimeter Gesamtkörperlänge oder wegen der Maske – keine Ahnung. Ist mir auch egal. Ohne die Maske gehe ich nicht mehr vor die Tür. Am Anfang passte sie noch schön ins Bild: »Rollstuhl, das ist vielleicht irgendwie ansteckend, da muss man sowieso auf der Hut sein, und jetzt trägt die auch noch Maske.« Weiterlesen

Jungle World, #20, „Disko“

„Guck mal, so eine kleine Frau!“ – warum ich Kindern nicht immer meine Behinderung erklären mag und wie Eltern damit umgehen können

„Guck mal, so eine kleine Frau!“, höre ich eine piepsige Stimme sagen und ich weiß: Wahrscheinlich kommt gleich ein Kind vorbei und stellt eine Menge Fragen. Das passiert mir mehrmals in der Woche. Mindestens genauso oft blicke ich in faszinierte Kinderaugen, die nicht aufhören können, mich anzustarren. Meine neunzig Zentimeter Körpergröße sind für Kinder ein Mysterium: Ein Mensch, so klein wie ich und doch erwachsen? Noch dazu hat diese kleine Frau dann auch noch einen Rollstuhl. Weiterlesen

Edition F, Kolumne „Reboot the System“

Schön weit weg vom Leben des Jens Spahn

Lieber Jens Spahn,
ein kleines Gedankenexperiment: Stell Dir mal vor, Du hast Hunger, aber darfst nur zu bestimmten Zeiten essen. Stell Dir vor, Du willst auf die Toilette, doch das ist nur drei Mal am Tag möglich. Stell Dir vor, Du willst duschen und Dich anziehen und brauchst dabei Hilfe – und Du darfst nicht selbst entscheiden, wer Dir dabei hilft. Stell Dir vor, Du willst Freund*innen treffen, und musst das Tage und Wochen vorher anmelden. Für Dich total irreal? Für viele behinderte Menschen leider normal. Denn einige leben in Heimen und Wohneinrichtungen, in denen ein selbstbestimmtes Leben nicht vorgesehen ist. Dort regieren Zeitpläne und Personalschlüssel. Oft auch bei sehr individuellen Bedürfnissen. Weiterlesen

Edition F, Kolumne „Reboot the System“

It’s Time to End Germany’s Culture of Benevolent Exclusion

A decade after pledging to protect the rights of disabled people, Germany still struggles to treat us equitably

I remember Mr. Wollny quite vividly — he was one of the first disabled people that I met. It was the first day of elementary school, a hot August morning in northern Germany, 1981. Mr. Wollny was the school’s director, and I was scared of this uncanny old man; I remember staring at his arm stump peeking out of his short-sleeved shirt. Just like the other kids were staring at me: too small for a six-year-old, with legs too fragile to stand on or even walk, I was carried in my mother’s arms.

Before entering elementary school, the term “disability” had no relevance to me. Weiterlesen

How We Get to Next, April 30 2019

Inklusion? Schön wär’s!

Erstmals dürfen dauerhaft Betreute in Bremen an einer Wahl teilnehmen. Das wurde auch Zeit – findet Rebecca Maskos.

Selbst mir – mit abgeschlossenem Studium und Berufsausbildung – passiert es immer wieder: „Wo ist denn Ihr Betreuer?“, wird gefragt. Oder die Person, mit der ich unterwegs bin, wird im Laden über meinen Kopf hinweg angesprochen: „Was möchte sie denn?“. Mein Rollstuhl ist offenbar Grund genug, mir Entscheidungsfähigkeit und Kompetenz abzusprechen. Immerhin: An der Wahlurne darf ich frei entscheiden, welche Partei ich wählen will. Das Bundeswahlgesetz regelt, dass jeder ab 18 frei wählen darf. Wirklich jeder? Nicht ganz.   Weiterlesen

Beitrag im Hörfunk von Radio Bremen 2, 15. April 2019

Inklusion für alle statt neoliberalem Leistungsdenken – Redebeitrag auf der „Behindert & verrückt feiern Pride Parade Berlin“, 2017

Liebes Bündnis der Pride-Parade, liebe Zuhörer*innen, liebe Freaks, liebe Krüppel und Normalgestörte,

wir sollen uns integrieren – das wurde uns bis vor etwa zehn Jahren gesagt, und das wird auch heute noch Migrant*innen und Geflüchteten gesagt: Anpassen an die Gesellschaft, ihren Erwartungen gerecht werden, das war und ist mit dem Wort Integration gemeint. Integration hat jedoch eine kleine Schwester bekommen – die Inklusion. Inklusion sei ganz anders als Integration, sagen viele. Da müssten sich nicht die Einzelnen ändern und sich anpassen, sondern umkehrt – die inklusive Gesellschaft passt sich an die Einzelnen an. Die Gesellschaft baut sich so um, dass alle mitmachen können, egal welche Behinderung, welches Geschlecht, welche Herkunft eine Person hat und egal, wen sie liebt. Von diesem Umbau der Gesellschaft haben die meisten von uns wahrscheinlich bisher wenig gemerkt. Noch immer feiern Rassismus und Sexismus eine Party in den Köpfen vieler Menschen. Noch immer gibt es Zwangsbehandlungen, Isolationshaft, entwürdigende Praktiken in Heimen und Psychiatrien. Noch immer arbeitet die überwältigende Mehrheit aller Menschen mit Lernschwierigkeiten für ein Taschengeld in aussondernden Werkstätten. Noch immer müssen Menschen, die viel Assistenz brauchen, darum kämpfen, nicht in Heime abgeschoben zu werden – und das wird nun noch leichter möglich sein, seitdem es das Bundesteilhabegesetz gibt. Weiterlesen

Rede auf der 4. „Behindert und verrückt feiern Pride Parade Berlin“, 15.7.2017

Thesen zur Inklusion – Utopie einer besseren Gesellschaft oder neoliberale Anrufung behinderter Menschen?

Als Antwort auf Integration – die Aufnahme von „Abweichenden“ in die Mehrheitsgesellschaft – erdachten Teile der Behindertenbewegung den Begriff Inklusion. Gemeint war eine Gesellschaft, die nicht Anpassung einfordert, sondern sich auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten aller einstellt. Derart utopisch gedacht klingt Inklusion verlockend und als Konzept gegen Aussonderung hat der Begriff Schlagkraft. Wenn Inklusion jedoch auf neoliberale Realitäten trifft, in der jeder für sich selbst verantwortlich ist und vor allem Leistungsfähigkeit und Optimierung zählt, können neue Zwänge entstehen. Weiterlesen

Vortrag beim Zentrum für Disability Studies (ZeDiS), Universität Hamburg, 13.12.2016