Inklusion für alle statt neoliberalem Leistungsdenken – Redebeitrag auf der „Behindert & verrück feiern Pride Parade Berlin“, 2017

Liebes Bündnis der Pride-Parade, liebe Zuhörer*innen, liebe Freaks, liebe Krüppel und Normalgestörte,

wir sollen uns integrieren – das wurde uns bis vor etwa zehn Jahren gesagt, und das wird auch heute noch Migrant*innen und Geflüchteten gesagt: Anpassen an die Gesellschaft, ihren Erwartungen gerecht werden, das war und ist mit dem Wort Integration gemeint. Integration hat jedoch eine kleine Schwester bekommen – die Inklusion. Inklusion sei ganz anders als Integration, sagen viele. Da müssten sich nicht die Einzelnen ändern und sich anpassen, sondern umkehrt – die inklusive Gesellschaft passt sich an die Einzelnen an. Die Gesellschaft baut sich so um, dass alle mitmachen können, egal welche Behinderung, welches Geschlecht, welche Herkunft eine Person hat und egal, wen sie liebt. Von diesem Umbau der Gesellschaft haben die meisten von uns wahrscheinlich bisher wenig gemerkt. Noch immer feiern Rassismus und Sexismus eine Party in den Köpfen vieler Menschen. Noch immer gibt es Zwangsbehandlungen, Isolationshaft, entwürdigende Praktiken in Heimen und Psychiatrien. Noch immer arbeitet die überwältigende Mehrheit aller Menschen mit Lernschwierigkeiten für ein Taschengeld in aussondernden Werkstätten. Noch immer müssen Menschen, die viel Assistenz brauchen, darum kämpfen, nicht in Heime abgeschoben zu werden – und das wird nun noch leichter möglich sein, seitdem es das Bundesteilhabegesetz gibt. Weiterlesen

Rede auf der 4. „Behindert und verrückt feiern Pride Parade Berlin“, 15.7.2017

Thesen zur Inklusion – Utopie einer besseren Gesellschaft oder neoliberale Anrufung behinderter Menschen?

Als Antwort auf Integration – die Aufnahme von „Abweichenden“ in die Mehrheitsgesellschaft – erdachten Teile der Behindertenbewegung den Begriff Inklusion. Gemeint war eine Gesellschaft, die nicht Anpassung einfordert, sondern sich auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten aller einstellt. Derart utopisch gedacht klingt Inklusion verlockend und als Konzept gegen Aussonderung hat der Begriff Schlagkraft. Wenn Inklusion jedoch auf neoliberale Realitäten trifft, in der jeder für sich selbst verantwortlich ist und vor allem Leistungsfähigkeit und Optimierung zählt, können neue Zwänge entstehen. Weiterlesen

Vortrag beim Zentrum für Disability Studies (ZeDiS), Universität Hamburg, 13.12.2016

„Im Knast gibt’s wenigstens eine Stunde Hofgang“

Mit 30 im Altenheim. Für den Dessauer Matthias Grombach war das vier Jahre lang Realität. Als er 15 Jahre alt war, hatte er einen schweren Unfall, seitdem ist er hochgradig querschnittgelähmt. Dreizehn Jahre pflegten ihn seine Eltern zuhause, bis es für sie gesundheitlich nicht mehr ging. Der nur als Notlösung gedachte Heimaufenthalt wurde zum Dauerzustand, aus dem Grombach sich nur durch einen langwierigen Rechtsstreit befreien konnte. Seit sieben Jahren lebt der 40-jährige in seinen eigenen vier Wänden, mit Hilfe sogenannter Persönlicher Assistenten. Als Vorstandsmitglied des Vereins »NITSA – Netzwerk für Inklusion, Teilhabe, Selbstbestimmung und Assistenz« berät er andere behinderte Menschen zum ambulanten Wohnen. Das geplante Bundesteilhabegesetz lässt ihn fürchten, dass er wieder ins Heim muss, und dass es anderen wie ihm ergehen kann. Deshalb engagiert er sich in der Protestbewegung gegen das Gesetz. Weiterlesen

Interview mit Matthias Grombach
Junge Welt, Beilage Behindertenpolitik, 14. 12. 2016