Was heißt Ableism? Überlegungen zu Behinderung und bürgerlicher Gesellschaft

„Wir werden nicht als Behinderte geboren, wir werden zu Behinderten gemacht“ – dieser Slogan der Behindertenbewegung ist einfach, aber wahr. Die Abwandlung des Simone de Beauvoir-Klassikers, mit dem sie die Gesellschaftlichkeit von Geschlecht auf den Punkt brachte, könnte eine simple Erkenntnis sein, und doch scheint sie im Fall von Behinderung auf den ersten Blick verwunderlich: Behinderung sei doch eine manifeste Eigenschaft von Körpern, ein Mangel. Wenn ein Arm oder Bein fehlt, Nervenstränge gelähmt sind, dann ist da nichts gesellschaftlich Gemachtes, und auch das fehlende Augenlicht kann man nicht dekonstruieren, könnte man sagen.Doch der Satz würde nur stimmen, wäre der Mensch bloß Körper und würde es kein Denken und Reden über Körper geben. Zum „Behindert-Sein“ gehört mehr als der körperliche „Defekt“, „Behindert-Sein“ bein- haltet eine kulturelle Tradition von Zuschreibungen, Stereotypen sowie mitleidigen, verachtenden bis hin zu eliminatorischen Praxen. „Behindert-Sein“ beinhaltet auch die Kategorien des bürgerlichen Rechts, das Körper in behindert oder nichtbehindert, Person oder Nicht-Person, Frau oder Mann, deutsch oder nichtdeutsch einteilt. Auch das Konkurrenzverhältnis der Individuen, innerhalb dessen sich Körper in der bürgerlichen Gesellschaft zu bewähren haben, fließt in das Konzept mit ein. Weiterlesen

Arranca! # 43 Bodycheck und linker Haken, Dezember 2010

Schwein gehabt. Als „Risikopatientin“ unterwegs mit H1N1

Die Maske schloss Nase und Mund gut ab. Darunter war es zu warm. Das Atmen unter der Maske fiel mir schwer, es roch nach Kunststoff. Sehen konnte ich aber noch ganz gut. Zum Beispiel den leicht verängstigten Gesichtsausdruck der Krankenhaussekretärin, die mir die Maske gerade in die Hand gedrückt hatte, begleitet von der Aufforderung, sie sofort anzulegen. Erst danach fragte sie mich nach meinem Namen und meiner Adresse. Verständlich, schließlich hätte ich ihr über die Atemluft meine H1N1-Viren übertragen können. Weiterlesen

Mondkalb – Zeitung des Organisierten Gebrechens, #1 2010

Auf ein Beck’s

Erstmal ein Bier holen am Deich. Es ist einer dieser ersten lauen Sommerabende. Bremerinnen wie mich zieht es dann an den Osterdeich. Dort kann man sich von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne wärmen lassen. Dabei den Hippies beim Bongospielen zuhören und sich vor einem vorbeifliegenden Fußball der Halbwüchsigen aus dem Viertel wegducken. Tausende Bremer entspannen im Sommer direkt an der Weser. Und kurz davor holt man sich noch ein Becks beim Kiosk am Ende des Sielwalls, in der
kleinen Hütte, die direkt am Deich steht, komplett in den Werder-Vereinsfarben gehalten.
Ich parke meinen Mini-Trac vor dem Kiosk, trenne ihn von meinem Rolli, den ich an diese kleine elektrische Zugmaschine angekoppelt hatte. Nachdem ich meine Becks-Bestellung vorgebracht und ihm zwei Euro auf den Tresen gelegt habe, spannt sich ein breites Grinsen über das Gesicht des Kioskbesitzers. “Nein, behalten Sie das Geld”, sagt der Kioskmann in breitem osteuropäischen Akzent. Er klopft sich auf seine Brust. “Kommt von Herzen. Trinken Sie einen auf mich!” Weiterlesen

Mondkalb – Zeitung für das Organisierte Gebrechen, #2 2008

Stand up for your boss? Sit down for your right! Moderne Arbeitnehmer konferieren im Stehen.

Stehparties finde ich öde. Dauernd gucke ich auf die Ärsche von irgendwelchen Leuten. Ab und zu erbarmt sich jemand und hockt sich hin, denn auch mit Rollifahrerinnen will man auf Augenhöhe reden. Ich finde das immer sehr nett, aber auch bedauerlich, wenn die Leute sich dabei ihre Knie kaputt hocken. Irgendwann müssen sie wieder hoch und oft entschuldigen sie sich dafür. Dabei können
sie ja nichts dafür, dass Stehen so angesagt ist. Die Ideologie des Stehens scheint die einer uneingeschränkten Flexibilität und Kommunikativität zu sein. Jeden nervigen Small-Talk-Partner auf einer Stehparty kann man ohne Federlesen abschütteln, denn man muss ja nur einen kleinen Schritt weiter gehen, mal eben was vom Buffet angeln. Ist längst nicht so umständlich, wie vom Tisch aufzustehen und sich dabei auch noch förmlich verabschieden zu müssen. Sich in der stehenden Menge zu tummeln ist eben irgendwie dynamisch. Weiterlesen

Mondkalb – Zeitung für das Organisierte Gebrechen, #2 2008

Was nicht passt wird passend gemacht. Über das „Ashley-Treatment“ und die Zurichtung von zu kleinen und zu großen Körpern

Neulich bei Karstadt. Der dritte Stock ist schon eine Herausforderung. Der Knopf mit der Drei drauf ist verdammt weit oben. Also auf den Rolli stellen, den Arm weit ausstrecken. Beim Aussteigen kommt mir ein Kind entgegen, verwirrte Blicke. Fragen werden gestellt: Warum ist die Frau so klein? Ist sie noch Kind oder schon erwachsen? Weiterlesen

Mondkalb – Zeitung für das Organisierte Gebrechen, #1 2007