„Im Knast gibt’s wenigstens eine Stunde Hofgang“

Mit 30 im Altenheim. Für den Dessauer Matthias Grombach war das vier Jahre lang Realität. Als er 15 Jahre alt war, hatte er einen schweren Unfall, seitdem ist er hochgradig querschnittgelähmt. Dreizehn Jahre pflegten ihn seine Eltern zuhause, bis es für sie gesundheitlich nicht mehr ging. Der nur als Notlösung gedachte Heimaufenthalt wurde zum Dauerzustand, aus dem Grombach sich nur durch einen langwierigen Rechtsstreit befreien konnte. Seit sieben Jahren lebt der 40-jährige in seinen eigenen vier Wänden, mit Hilfe sogenannter Persönlicher Assistenten. Als Vorstandsmitglied des Vereins »NITSA – Netzwerk für Inklusion, Teilhabe, Selbstbestimmung und Assistenz« berät er andere behinderte Menschen zum ambulanten Wohnen. Das geplante Bundesteilhabegesetz lässt ihn fürchten, dass er wieder ins Heim muss, und dass es anderen wie ihm ergehen kann. Deshalb engagiert er sich in der Protestbewegung gegen das Gesetz. Weiterlesen

Interview mit Matthias Grombach
Junge Welt, Beilage Behindertenpolitik, 14. 12. 2016

Motiviert, leistungsbereit, abgehängt

Die Aktion Mensch hat das »Inklusionsbarometer Arbeit« zur Lage behinderter Menschen auf dem Arbeitsmarkt vorgestellt.

Sozial abgesichert sein, eine Aufgabe haben, den Alltag mit anderen teilen – die meisten Menschen wollen das. Nicht nur Psychologen und Sozialwissenschaftler wissen, dass Arbeit wichtig ist für das Wohlbefinden vieler Menschen – Arbeitslosigkeit erhöht die Wahrscheinlichkeit, depressiv zu werden. Denn ohne Job fehlen gesellschaftliche Anerkennung, Tagesstruktur und soziale Kontakte. Viele Menschen definieren sich über ihre Arbeitsstelle – und nicht umsonst bekommen manche Jobsuchende bei der scheinbar unverfänglichen Small-Talk-Frage »Und, was machst du so beruflich?« Beklemmungen. Weiterlesen

Jungle World # 50, 12. Dezember 2013

„Selbstbestimmt dabei. Immer. Inklusion in Alltag und Arbeitsleben“. Dokumentation eines Fachtages der Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Für die Antidiskriminierungsstelle des Bundes erstellte ich im Juni 2013 eine Dokumentation ihres Fachtages „Selbstbestimmt dabei. Immer. Inklusion in Alltag und Arbeitsleben“.

„Inklusion bedeutet mehr als Teilhabe – sie bedeutet, selbstverständlicher Teil der Gesellschaft zu sein.“ So beschreibt der wissenschaftliche Koordinator des Themenjahrs für behinderte und chronisch kranke Menschen Ernst von Kardorff sein Verständnis von Inklusion. Doch eine solch selbstverständliche Inklusion in Alltag und Arbeitsleben liegt für viele Menschen mit Behinderungen immer noch in weiter Ferne – trotz der UN-Behindertenrechtskonvention, die 2009 auch in Deutschland in Kraft getreten ist.

Wie groß der Handlungsbedarf ist, zeigen die Vielzahl und Bandbreite der Beratungsanfragen, die an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes gestellt werden: Rund 25 Prozent aller bisherigen Anfragen drehen sich um das Thema Behinderung und chronische Krankheit. Dabei ist die Ungleichbehandlung in den Bereichen Arbeitsmarkt und Dienstleistungen besonders groß und sind chronisch kranke Menschen durch Rechtsunsicherheiten besonders betroffen. Darauf verweisen die drei Expertisen, die die Antidiskriminierungsstelle für das Themenjahr 2013 in Auftrag gegeben hat und die auf dem Fachtag vorgestellt wurden. Drei Fälle aus der Beratungspraxis bestätigen die Erkenntnisse eindrucksvoll. Im Gespräch mit Moderator Carsten Rüger erzählten von Diskriminierung Betroffene und Berater_innen
davon, wie vielfältig und teilweise systematisch behinderte und chronisch kranke Menschen in Deutschland ausgegrenzt werden. Weiterlesen

Endlich Mainstream!

Menschen mit Behinderung werden im öffentlichen Leben oft schlicht vergessen. Der Berliner Senat versucht seit einigen Jahren, sie in seiner Verwaltung stärker einzubinden. „Disability Mainstreaming“ lautet das Zauberwort.

Beim neu eingebauten Fahrstuhl fehlt die Sprachansage der Stockwerke, tastbare Hinweise für Sehbehinderte wurden auch vergessen. Die neue Ausstellung hat zwar Texttafeln in englischer Sprache, aber an Leichte Sprache für Menschen mit Lernschwierigkeiten hat keiner gedacht. Menschen mit Behinderung kennen solche Situationen zur Genüge. Als Experten in eigener Sache werden sie bei der Planung nur selten gefragt. Ungeachtet dessen, dass eine spätere Nachbesserung wieder neue Kosten entstehen lässt.

Dabei ist das Wort Inklusion in aller Munde. Die 2009 auch in Deutschland in Kraft getretene Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen fordert ausdrücklich „eine Umgestaltung aller Lebensbereiche, so, dass behinderte Menschen von vornherein teilhaben können“. Damit sie nicht wie so oft erst „nachträglich“ integriert werden, ist ihre Beteiligung von Anfang an gefordert.

Weiterlesen: MENSCHEN_2.12_ Mainstreaming

Menschen – Magazin der Aktion Mensch, #2/2012

„Bist Du behindert oder was?“ Behinderung, Ableism und souveräne Bürger_innen

Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Jenseits der Geschlechtergrenzen“ der AG Queer Studies und der Ringvorlesung „Behinderung ohne Behinderte!? Perspektiven der Disability Studies“, Universität Hamburg, 14.12.2011

Liebe Leute von der AG Queer Studies, liebe Leute vom ZeDiS,
ich möchte mich herzlich bei Euch für die Einladung bedanken!

In den letzten Jahren bin ich beruflich bedingt viel Zug gefahren, und da lernt man ja immer wieder
für’s Leben. Mittlerweile kommen Leute wie ich, die einen Rollstuhl benutzen, ja dank
Barrierefreiheit sogar in Regionalzüge rein – also jene Züge, die früher noch einen unbezwingbar
steilen Einstieg hatten. Mittlerweile sitzt Rollifahrer_in im Regionalexpress im Fahrradabteil, gerne
zwischen Sonntagsauflüglern oder Großfamilien mit Kinderwagen. Neulich fand ich mich in einer
Horde halbwüchsiger grölender Fußballfans wieder, die zu einem Auswärtsspiel von Hannover 96
nach Bremen fuhren. Nach dem der erste Kasten „Herrenhäuser“ auf Ex ausgetrunken, die Bremer
Fans ausgiebig als „stinkend“ gebrandmarkt und die anderen Mitreisenden ohne Rollstuhl entnervt
in die anderen Abteile abgewandert waren, fingen sie an sich selbst zu dissen. „Ey Alter, Du bist
doch total behindert“, „Ey Du Spast“, und so weiter, und so fort. Am Ende der Fahrt beschwerte ich
mich halb im Scherz, dass 1. sie selbst ganz schön stinken würden, 2. sie mal schön aufpassen
sollten, weil Werder Bremen ja nun mal eindeutig das Team mit mehr Klasse sei und 3. sie doch
mal aufhören sollten, sich in meiner Anwesenheit ständig als „behindert“ zu beschimpfen. Einer
von ihnen schaute mich entgeistert-aggressiv an und sagte: „Ja, aber das sagt man jetzt so! Das
hat ja nichts mit Ihnen zu tun!“

Das ist am Rande bemerkt ein schönes Beispiel dafür, wie Sprache irgendwann ein Eigenleben
führen kann, wie sich Konnotationen wandeln und von der ursprünglichen Bedeutung im
Bewusstsein der Sprechenden entfernen können. So ist heute ja auch kaum noch präsent, dass
das Wort „Behinderung“ in der Nachkriegszeit als euphemistischer „Umbrella-Term“ populär
wurde, für alle jene verschiedenen Bezeichnungen für Beeinträchtigung, die vor allem durch die
Nazizeit einen schlechten Beigeschmack bekommen hatten. Gegenüber „schwachsinnig“,
„Krüppel“ oder „lahm“ -sein war „behindert-sein“ fast ein Kompliment. Das ist heute anders. Viele
Leute entschuldigen sich heute dafür, wenn sie einen als „behindert“ bezeichnen, obwohl doch
diese Bezeichnung recht gut die Situation von Menschen mit Beeinträchtigungen auf den Punkt
bringt: Sie werden behindert, meistens von den Umständen – z.B. von nur „halber“ Barrierefreiheit
in Zügen, die mir im Regionalexpress die Flucht in die anderen Abteile verwehrte, oder den Einstellungen, die mir als behinderter Mensch gegenübertreten, z.B. in Gestalt von Hannover 96 Fans.