#AbleismTellsMe: Behinderte Menschen teilen Diskriminierungserfahrungen

Es passiert alltäglich und überall. In der Familie, unter Freund*innen, im Job, auf der Party und im Club. Normative und stereotype Bilder von Behinderung und Nichtbehinderung werden uns um die Ohren gehauen. Wir werden mal für inkompetent, bedauernswert, leidend und hilflos, mal für bewundernswert und übermenschlich gehalten. Auf Twitter tauschen sich derzeit behinderte Menschen über ihre Erfahrungen mit Diskriminierung unter dem Hashtag #AbleismTellsMe aus. Weiterlesen

Edition F, 6. September 2020

Ein Stück Freiheit

Eine Willkommenskultur für Abhängigkeit von anderen ließe die Rufe nach aktiver Sterbehilfe leiser werden.

Wenn wir schon alle sterben müssen, dann bitte in Würde. So könnte man den Konsens der Deutschen zum Thema Tod und Sterben zusammenfassen. Was aber genau diese Würde sein soll bleibt nebulös. Manche wollen „nicht an Apparaten hängen“, nicht „vor sich hin vegetieren“, möglicherweise noch „an Schläuchen“. Anderen reicht es auch schon „tagtäglich auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein“, damit es für sie vorbei ist mit dem Leben in Würde. Oder sie finden es würdelos, „nicht mehr alleine Einkaufen gehen zu können“ oder sich gar von anderen Menschen „den Hintern abwischen zu lassen“. So oder ähnlich liest und hört man es alltäglich in den Online-Kommentaren und Talkshows der Republik. Mich lässt diese Vorstellung von Würde immer mit einem Kopfschütteln zurück. Als Rollstuhlfahrerin bin ich immer wieder „auf die Hilfe anderer angewiesen“ und fühle mich deshalb alles andere als entwürdigt. Für andere ein Symbol des Scheiterns, in dem man „landen“ könnte, bedeutet mein Rollstuhl für mich ein Stück Freiheit. Durch ihn komme ich überall hin – fast überall, so lange es Fahrstühle und Rampen gibt. Weiterlesen

Kommentar in der taz, 19.11.2015

Auf Abwegen. Der Shitstorm um Monika Lierhaus

Der Fall Monica Lierhaus zeigt, dass der Weg von der Akzeptanz individuellen Leidens an Behinderungen zu Euthanasiephantasien nur kurz ist.

Monica Lierhaus, wer war das noch gleich? Na, diese Sportmoderatorin, die bei der WM 2006 und bei der EM 2008 der deutschen Nationalelf das Mikro unter die Nase hielt. Die dann 2009 eine Hirnoperation hatte, bei der lebensgefährliche Komplikationen auftraten, weswegen sie vier Monate lang ins künstliche Koma versetzt wurde. Momentan steht die ehemalige »Sport­schau«-Moderatorin mal wieder im Zentrum medialer Aufmerksamkeit. Weiterlesen

Kommentar in der Jungle World # 31, 2015

Ableism und das Ideal des autonomen Fähig-Seins in der kapitalistischen Gesellschaft

Abstract: Ableism bezeichnet eine Form der Beurteilung Einzelner hinsichtlich ihrer körperlichen, geistigen und psychischen Fähigkeiten und Funktionen: Personen werden damit auf ihren Körper reduziert und zu Stellvertreter*innen einer vermeintlichen Gruppenidentität. So ist Ableism die treffendere Bezeichnung für etwas, das sonst oft vereinfacht Behindertenfeindlichkeit genannt wird. Das Konzept öffnet den Blick auf die Kontingenz von Körperbewertungen: Was in dem einen Gesellschaftskontext durch Hilfsmittel oder kulturelle Akzeptanz ausgeglichen und ‚normalisiert’ werden kann, bleibt in anderen als Behinderung bestehen. So ist Ableism auch ökonomisch situiert – die Fähigkeiten von Personen und ihre Einbettung in vorhandene Ressourcen entscheiden über die Anerkennung als Subjekt. Umgekehrt erscheint der Verlust der Verwertbarkeit als existentielle Bedrohung für die sich als „fähig“ und autonom verstehende Subjekte. Deren Kampf gegen diese Bedrohung führt zu Abgrenzungsprozessen gegenüber den als behindert Markierten und mündet wiederum in ableistische Diskurse. Der Beitrag diskutiert die Bedeutung dieser Diskurse für die Etablierung von kollektiven sozialen Identitäten und der sozialen Positionierung von Subjekten in den kulturellen und ökonomischen Verhältnissen in der Gegenwartsgesellschaft.

  1. Ein ganz normaler Vortragsabend

Bei der Vortragsveranstaltung im Kulturzentrum war ich die Erste. Klar, ich hatte hier ja vorher auch noch ein bisschen was zu tun. Der Hausmeister war schon da, und er war sehr nett. Er machte mir die Türen zum rollstuhlgerechten Zugang auf, zeigte mir den Fahrstuhl. Nachdem er die Mikrophone aufgestellt und sich noch einmal vergewissert hatte, dass alle Stühle am richtigen Platz stehen, ging er wieder in sein Büro. Vorher sagte er noch zu mir: „Die Referentin kommt dann gleich“. Ein Irrtum – die Referentin war schon da. Denn das war ja ich. Weiterlesen

Zeitschrift für Inklusion – Online, #2, 2015

„Ich bin ein bisschen schamlos“

Christian Bayerlein bezeichnet sich als »Sex-Nerd« und schreibt auf seinem Blog kissability.de über Sex. Im Zeitalter des Web 2.0 eigentlich nicht weiter ungewöhnlich, wären da nicht Rollstuhl, krummer Körper und hochgradiger Assistenzbedarf. Behinderte Menschen sind asexuelle Neu­tren – das ist das gesellschaftliche Bild, mit dem Bayerlein bricht. Offenbar war das zu viel der Inklusion für die Koblenzer CDU, die vergangene Woche seine Wiederwahl als städtischer Behindertenbeauftragter im Stadtrat verhinderte. Fünf Jahre lang hatte er diesen ehrenamtlichen Posten inne und bislang keinen Gegenkandidaten. Auf Wunsch der CDU wurde die Wahl jedoch vertagt und das Auswahlverfahren wird nun neu aufgerollt. Bislang haben weder die Stadt Koblenz noch die Koblenzer CDU-Fraktion zu den Vorgängen Stellung genommen.

Interview in Jungle World #51, 18. Dez 2014 Weiterlesen

Schwerbehindert forever

03/2014. Jahrelang hatten mich dieser Monat und diese Jahreszahl begleitet. Sie stand direkt über meinem Passfoto. Darauf ich: Spitzes Kinn, schüchternes Lächeln, siebzehn, Dauerwelle. Darunter meine krakelige Teenager-Unterschrift. Damals, Anfang der 90er, als ich den Ausweis bekam, da hatte dieses Jahr – 2014 – einen irrealen Klang. 2014, das war abstrakte Zukunft. Das würde eine Zeit sein, in der vielleicht Autos fliegen können, alle Tiere ausgestorben sein und die Menschen Astronautennahrung essen würden. März 2014. Das würde die Zeitspanne sein, in der mein Schwerbehindertenausweis abläuft. Drehte ich den Ausweis um, blickte ich auf alle Insignien des Schwerbehindertenadels.

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Mondkalb – Zeitung für das Organisierte Gebrechen, 2014

Politisches Statement auf zwei Beinen. Schriftsteller Kenny Fries blickt kritisch auf Identitäten und kann doch nicht von ihnen lassen

Schwul, behindert und jüdisch: „Mein Mann nennt es meinen Nazi-Dreier“, sagt Fries und reißt den nächsten „schwarzen“ Witz über mangelnde Barrierefreiheit in Konzentrationslagern. Als der US-Amerikaner 1960 mit verdrehten und verkürzten Beinen geboren wurde, fiel seine Mutter in Ohnmacht und sein Vater lief schreiend durchs Krankenhaus: „Wir haben einen Freak bekommen!“ Als der Schock verdaut war, wurde ihr Sohn das erste behinderte Kind auf einer New Yorker Regelschule. Es folgten Literatur- und Theaterstudium, zahlreiche Essays, Gedichtbände, Theaterstücke und Anthologien. Momentan lebt Fries im kanadischen Toronto und unterrichtet Kreatives Schreiben. Sein aktuelles Buchprojekt führt ihn nach Deutschland. Für mondkalb wirft das einige Fragen auf. Weiterlesen
Interview Mondkalb – Zeitung für das Organisierte Gebrechen, 2014

Diagnose Mensch

Im Jungle World-Dossier »Die Angst vor der Norm« (25/2014) kritisierte Carsta Langner den Artikel »Das genormte Wunschkind« aus dem Sammelband »The Mamas and the Papas«. Eine Erwiderung.

Carsta Langner kritisiert in ihrem Dossier eine Debatte über Pränataldiagnostik (PND) und Präimplantationsdiagnostik (PID), die kaum noch ­jemand führt. Langner ist der Meinung, dass in »feministischen Kreisen« mehrheitlich eine »alarmistische Kritik« an Reproduktionstechnologien vorherrsche, als Beispiel dafür muss unser Artikel aus dem Sammelband »The Mamas and the Papas« herhalten. Vermutlich deshalb, weil in Wirklichkeit in der feministischen Debatte von Alice Schwarzer bis zu linksradikalen Feministinnen die Kritik an PND und PID die Ausnahme ist.

Eine relevante Bewegung gegen Gen- und Reproduktionstechnologien gab es nur in den achtziger Jahren. Heute gibt es unseres Wissens neben Einzelpersonen nur noch das »Gen-ethische Netzwerk« und das »Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik«, die eine Kritik an diesen Techniken äußern. Stattdessen entsprechen die meisten feministischen Positionen der Stoßrichtung des Jungle World-Dossiers: PND sei eine tolle Errungenschaft, die Frauen Selbstbestimmung ermögliche, jede Frau müsse selbst entscheiden können, ob sie ein behindertes Kind austrägt oder nicht. Als 2009 Ärzte dazu verpflichtet wurden, eine Beratung zu Spätabtreibungen durchzuführen, und eine Drei-Tage-Frist zwischen Diagnose der Behinderung und Abtreibung eingeführt wurde, war der Aufschrei in feministischen Kreisen groß, da diese Beratung das Selbstbestimmungsrecht der Frauen aushebele – ein absurder Vorwurf, da die Beratung nicht verpflichtend ist. Die Tatsache, dass es sich bei Spätabtreibungen, also bei Abtreibungen nach der 14. Woche, oftmals um die Abtreibung von Föten mit Behinderungen handelt, dass also eine Selektion stattfindet, wurde nicht skandalisiert. Weiterlesen

Text in Kooperation mit Andrea Trumann, Jungle World #29, 17. Juli 2014

Leidmedien – Menschen mit Behinderung in den Medien

Vortrag beim Zentrum für Disability Studies, Universität Hamburg, Ringvorlesung Disability Studies, 15.4.2013

Liebe Leute vom ZeDiS, liebe Zuschauer_innen und Zuhörer_innen,

vielen herzlichen Dank für die Einladung zur Ringvorlesung. Ich freue mich, Ihnen und Euch das Projekt Leidmedien.de vorstellen zu können – eine Webseite des Berliner Vereins Sozialhelden e.V. Die Idee und Initiative zu Leidmedien.de hatte Sozialhelden-Vorstand Raul Krauthausen, selbst Rollstuhlfahrer und oft Interviewpartner für verschiedene Medien. „Wieso behaupten die Medien eigentlich ständig, dass wir Menschen mit Behinderung ‚leiden‘, ‚tapfer unser Schicksal meistern‘? Oder sind erstaunt, dass wir ‚trotz der Behinderung“ ein ’normales Leben’ führen? Wenn die Medien soviel beeinflussen, dann stellt sich doch die Frage, wie wir sie verändern können“, sagt Krauthausen. Leidmedien.de soll deshalb typische Sprachklischees und stereotype Medienrepräsentationen von Behinderung in Frage stellen und Alternativen vorschlagen. Die Webseite ist ein praxisnaher Online-Ratgeber, der vor allem Journalist_innen und Medienschaffenden Tipps geben soll, wie sie weniger einseitig und diskriminierend über behinderte Menschen berichten können. Als Projektleiterin und Redakteurin habe ich Leidmedien.de mit auf den Weg gebracht und bin nun beratend für das Leidmedien-Team, bestehend aus der jetzigen Projektleiterin Lili Masuhr, Andi Weiland und Raul Krauthausen, tätig. Ich werde im ersten Teil des Vortrags von Leidmedien.de und seinen Hintergründen erzählen und dann näher darauf eingehen, warum sich Klischees in der Darstellung behinderter Menschen immer noch halten und welche Funktionen sie möglicherweise erfüllen (sowohl in non-fiktionalen als auch in fiktionalen Formaten). Dazu „springe“ ich jetzt gleich mal in eine erste Klischeedarstellung „rein“.

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„Bist Du behindert oder was?“ Behinderung, Ableism und souveräne Bürger_innen

Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Jenseits der Geschlechtergrenzen“ der AG Queer Studies und der Ringvorlesung „Behinderung ohne Behinderte!? Perspektiven der Disability Studies“, Universität Hamburg, 14.12.2011

Liebe Leute von der AG Queer Studies, liebe Leute vom ZeDiS,
ich möchte mich herzlich bei Euch für die Einladung bedanken!

In den letzten Jahren bin ich beruflich bedingt viel Zug gefahren, und da lernt man ja immer wieder
für’s Leben. Mittlerweile kommen Leute wie ich, die einen Rollstuhl benutzen, ja dank
Barrierefreiheit sogar in Regionalzüge rein – also jene Züge, die früher noch einen unbezwingbar
steilen Einstieg hatten. Mittlerweile sitzt Rollifahrer_in im Regionalexpress im Fahrradabteil, gerne
zwischen Sonntagsauflüglern oder Großfamilien mit Kinderwagen. Neulich fand ich mich in einer
Horde halbwüchsiger grölender Fußballfans wieder, die zu einem Auswärtsspiel von Hannover 96
nach Bremen fuhren. Nach dem der erste Kasten „Herrenhäuser“ auf Ex ausgetrunken, die Bremer
Fans ausgiebig als „stinkend“ gebrandmarkt und die anderen Mitreisenden ohne Rollstuhl entnervt
in die anderen Abteile abgewandert waren, fingen sie an sich selbst zu dissen. „Ey Alter, Du bist
doch total behindert“, „Ey Du Spast“, und so weiter, und so fort. Am Ende der Fahrt beschwerte ich
mich halb im Scherz, dass 1. sie selbst ganz schön stinken würden, 2. sie mal schön aufpassen
sollten, weil Werder Bremen ja nun mal eindeutig das Team mit mehr Klasse sei und 3. sie doch
mal aufhören sollten, sich in meiner Anwesenheit ständig als „behindert“ zu beschimpfen. Einer
von ihnen schaute mich entgeistert-aggressiv an und sagte: „Ja, aber das sagt man jetzt so! Das
hat ja nichts mit Ihnen zu tun!“

Das ist am Rande bemerkt ein schönes Beispiel dafür, wie Sprache irgendwann ein Eigenleben
führen kann, wie sich Konnotationen wandeln und von der ursprünglichen Bedeutung im
Bewusstsein der Sprechenden entfernen können. So ist heute ja auch kaum noch präsent, dass
das Wort „Behinderung“ in der Nachkriegszeit als euphemistischer „Umbrella-Term“ populär
wurde, für alle jene verschiedenen Bezeichnungen für Beeinträchtigung, die vor allem durch die
Nazizeit einen schlechten Beigeschmack bekommen hatten. Gegenüber „schwachsinnig“,
„Krüppel“ oder „lahm“ -sein war „behindert-sein“ fast ein Kompliment. Das ist heute anders. Viele
Leute entschuldigen sich heute dafür, wenn sie einen als „behindert“ bezeichnen, obwohl doch
diese Bezeichnung recht gut die Situation von Menschen mit Beeinträchtigungen auf den Punkt
bringt: Sie werden behindert, meistens von den Umständen – z.B. von nur „halber“ Barrierefreiheit
in Zügen, die mir im Regionalexpress die Flucht in die anderen Abteile verwehrte, oder den Einstellungen, die mir als behinderter Mensch gegenübertreten, z.B. in Gestalt von Hannover 96 Fans.