Was heißt Ableism? Überlegungen zu Behinderung und bürgerlicher Gesellschaft

„Wir werden nicht als Behinderte geboren, wir werden zu Behinderten gemacht“ – dieser Slogan der Behindertenbewegung ist einfach, aber wahr. Die Abwandlung des Simone de Beauvoir-Klassikers, mit dem sie die Gesellschaftlichkeit von Geschlecht auf den Punkt brachte, könnte eine simple Erkenntnis sein, und doch scheint sie im Fall von Behinderung auf den ersten Blick verwunderlich: Behinderung sei doch eine manifeste Eigenschaft von Körpern, ein Mangel. Wenn ein Arm oder Bein fehlt, Nervenstränge gelähmt sind, dann ist da nichts gesellschaftlich Gemachtes, und auch das fehlende Augenlicht kann man nicht dekonstruieren, könnte man sagen.Doch der Satz würde nur stimmen, wäre der Mensch bloß Körper und würde es kein Denken und Reden über Körper geben. Zum „Behindert-Sein“ gehört mehr als der körperliche „Defekt“, „Behindert-Sein“ bein- haltet eine kulturelle Tradition von Zuschreibungen, Stereotypen sowie mitleidigen, verachtenden bis hin zu eliminatorischen Praxen. „Behindert-Sein“ beinhaltet auch die Kategorien des bürgerlichen Rechts, das Körper in behindert oder nichtbehindert, Person oder Nicht-Person, Frau oder Mann, deutsch oder nichtdeutsch einteilt. Auch das Konkurrenzverhältnis der Individuen, innerhalb dessen sich Körper in der bürgerlichen Gesellschaft zu bewähren haben, fließt in das Konzept mit ein. Weiterlesen

Arranca! # 43 Bodycheck und linker Haken, Dezember 2010

FAQ – Frequently Asked Questions

Ich hatte dich gar nicht bemerkt. Wie du da am Nebentisch gesessen hast und mich „schon seit Stunden beobachtet“ hattest. So sagtest du jedenfalls, als du an meinen Tisch kamst. Inga, Theo und ich wollten eigentlich gleich gehen. Es war spät geworden, wir waren der letzte Rest der Gruppe, der nach dem Vortrag noch ins Morgenrot gegangen war. Das Morgenrot ist eine linke Kneipe im Prenzlauer Berg. Studis und linke Intellektuelle trinken hier ihr Bier, seit einiger Zeit kommen auch immer mehr Touristen auf der Suche nach einer „authentischen Berliner Szenekneipe“.
Du warst so Anfang oder Mitte Dreißig, dunkle Haare, Geheimratsecken. Ob du mich mal etwas Persönliches fragen dürftest, fragtest du mich. Ich ahnte, worauf das hinauslief. Nach „etwas Persönlichem“ werde ich oft gefragt. Selten will dann jemand wissen, ob wir uns zufällig schon mal getroffen hätten oder wo ich denn meinen coolen Mantel herhabe. Mit dem „Persönlichen“ ist immer das Offensichtliche gemeint: Meine Behinderung. Nur darüber wollen die Leute mehr wissen. Weiterlesen

Mondkalb – Zeitung für das Organisierte Gebrechen, #1 2010

Schwein gehabt. Als „Risikopatientin“ unterwegs mit H1N1

Die Maske schloss Nase und Mund gut ab. Darunter war es zu warm. Das Atmen unter der Maske fiel mir schwer, es roch nach Kunststoff. Sehen konnte ich aber noch ganz gut. Zum Beispiel den leicht verängstigten Gesichtsausdruck der Krankenhaussekretärin, die mir die Maske gerade in die Hand gedrückt hatte, begleitet von der Aufforderung, sie sofort anzulegen. Erst danach fragte sie mich nach meinem Namen und meiner Adresse. Verständlich, schließlich hätte ich ihr über die Atemluft meine H1N1-Viren übertragen können. Weiterlesen

Mondkalb – Zeitung des Organisierten Gebrechens, #1 2010

Auf ein Beck’s

Erstmal ein Bier holen am Deich. Es ist einer dieser ersten lauen Sommerabende. Bremerinnen wie mich zieht es dann an den Osterdeich. Dort kann man sich von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne wärmen lassen. Dabei den Hippies beim Bongospielen zuhören und sich vor einem vorbeifliegenden Fußball der Halbwüchsigen aus dem Viertel wegducken. Tausende Bremer entspannen im Sommer direkt an der Weser. Und kurz davor holt man sich noch ein Becks beim Kiosk am Ende des Sielwalls, in der
kleinen Hütte, die direkt am Deich steht, komplett in den Werder-Vereinsfarben gehalten.
Ich parke meinen Mini-Trac vor dem Kiosk, trenne ihn von meinem Rolli, den ich an diese kleine elektrische Zugmaschine angekoppelt hatte. Nachdem ich meine Becks-Bestellung vorgebracht und ihm zwei Euro auf den Tresen gelegt habe, spannt sich ein breites Grinsen über das Gesicht des Kioskbesitzers. “Nein, behalten Sie das Geld”, sagt der Kioskmann in breitem osteuropäischen Akzent. Er klopft sich auf seine Brust. “Kommt von Herzen. Trinken Sie einen auf mich!” Weiterlesen

Mondkalb – Zeitung für das Organisierte Gebrechen, #2 2008

Stand up for your boss? Sit down for your right! Moderne Arbeitnehmer konferieren im Stehen.

Stehparties finde ich öde. Dauernd gucke ich auf die Ärsche von irgendwelchen Leuten. Ab und zu erbarmt sich jemand und hockt sich hin, denn auch mit Rollifahrerinnen will man auf Augenhöhe reden. Ich finde das immer sehr nett, aber auch bedauerlich, wenn die Leute sich dabei ihre Knie kaputt hocken. Irgendwann müssen sie wieder hoch und oft entschuldigen sie sich dafür. Dabei können
sie ja nichts dafür, dass Stehen so angesagt ist. Die Ideologie des Stehens scheint die einer uneingeschränkten Flexibilität und Kommunikativität zu sein. Jeden nervigen Small-Talk-Partner auf einer Stehparty kann man ohne Federlesen abschütteln, denn man muss ja nur einen kleinen Schritt weiter gehen, mal eben was vom Buffet angeln. Ist längst nicht so umständlich, wie vom Tisch aufzustehen und sich dabei auch noch förmlich verabschieden zu müssen. Sich in der stehenden Menge zu tummeln ist eben irgendwie dynamisch. Weiterlesen

Mondkalb – Zeitung für das Organisierte Gebrechen, #2 2008